Bo Burnham ist wie wir alle „ Inside “
Ein perfektes Zeitdokument
Bild: Screenbild hakl
Der eingesperrte Künstler: nicht notwendigerweise auch der Tod für die Kreativität.

Comedy. Bo Burnham schafft mit seinem neuen Netflix-Special „Inside“ eine großartige, musikalische Reflektion auf die Krise. 

Bo Burnham ist ein amerikanischer Allround-Künstler, schon 2006 machte er im zarten Alter von 16 Jahren durch eigene komödiantische Kompositionen, die er selbst auf dem Keyboard begleitete, auf sich aufmerksam. In den nächsten Jahren folgten Erfolge mit zwei erschienenen Alben und zahlreichen Stand-Up-Auftritten, bei denen er seinem lockeren und stets intelligent linkem Stil treu blieb. Außerdem gab er 2018 mit dem Coming-of-Age-Drama „Eighth Grade“ sein von Kritik und Publikum gefeiertes Debüt als Filmregisseur. Laut eigener Aussage hatte er nach 2016 vorerst keine Stand-Up-Auftritte mehr vor, weil er auf der Bühne unter Panikattacken litt. Anfang 2020 hatte er sich wieder dazu entschieden, sich zurück auf die Bühne zu trauen, als die Umstände diese Form des Auftritts schon bald unmöglich machen sollten. 

Deshalb machte Burnham einen einzigen Raum in seinem eigenen Haus zu seiner Bühne, doch anstatt wie zahlreiche Künstler:innen die Homeoffice-Produktionen direkt live dem Internet zu übergeben, nahm der 30-Jährige sich so viel Zeit, wie er eben brauchen sollte. Statt ein Teil der amateurhaft erstellten Content-Flut zu werden, sollte etwas Abgeschlossenes und Vollkommenes entstehen. Nach über einem Jahr zeigt Netflix sein fertiges Werk, bei dem alles von Kamera über Regie bis zu Skript und Musik von Burnham selbst stammen. Dabei heraus kam noch mehr als eine Aneinanderreihung von gut produzierten Musikvideos mit eingängigen Melodien und gesellschaftskritischen Texten. Die Produktion selbst ist ein bedeutender Teil des Werkes, denn immer wieder bricht der Künstler seine Songs sowohl durch ehrliche Gedanken über seinen strapazierten psychischen Zustand als auch durch kunstvoll gestaltete Reflektionen darauf, wie man das, was er hier seit geraumer Zeit produziert, bald konsumieren würde.  

Teil dessen sind ständige Zweifel daran, ob er das Special jemals beenden würde und die Einsicht, dass es sich dabei um eine wichtige Beschäftigungstherapie für ihn handelt, bei der am Ende vielleicht auch nur eine von vielen Netflix-Shows entstehen würde, die neuen Content schaffen, um den Zuschauer für weitere 90 Minuten zu betäuben und dazu zu bringen, wegen der unerträglichen Zustände nicht zu kollabieren. Burnham schafft hier, als Teil des überfrachteten Mediums Internet, eine von vorne bis hinten gelungene Kritik an diesem. Wenn die Zuschauer:innen über seine Songs und übersteuerten Videos lachen, sollen sie nicht vergessen, dass die Welt um sie herum grässlich ist, sondern mit einem melancholischen Lächeln daran erinnert werden. Dabei will sich Burnham entschieden von einer Social-Media-Kultur abgrenzen, in der man sich als Teil einer Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung immer neue Möglichkeiten sucht, „etwas Gutes“ zu tun, um letztendlich in erster Linie dem eigenen Gewissen zu helfen. 

Das Publikum sieht ihn beim Schnitt der eben gesehenen Clips, beim Betrachten seiner eigenen Produktionen und bei vielen künstlerischen Schaffenskrisen, die sich im immer gleichen beengten und sehr unordentlichen Zimmer abspielen. Die vielversprechende Tür nach draußen ist omnipräsent im Hintergrund zu sehen und mit Burnham warten wir sehnsüchtig darauf, dass sie endlich wieder geöffnet wird. Im Laufe der Zeit werden Haare und Bart des Musikers länger und sein Erscheinungsbild wird genauso wie sein domestizierter Lebensraum wilder. Gefangen in den eigenen vier Wänden verliert sich schnell der Bezug dazu, was wir das reale Leben nennen. 

  :Henry Klur

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