Kommentar: Twitter-Heulsusen schwingen die Sexismus-Keule
Ein Mann. Ein Hemd. Eine Mission.
Illustration: ck
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Nach mehr als zehn Jahren Missionsdauer und einer Reisestrecke von etwa 7,1 Milliarden Kilometern erreichte die Raumsonde Rosetta Mitte November den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, um einen Lander (Philae) auf diesem abzusetzen. Mittlerweile wissen wir, dass die Mission ein Erfolg war. Und wir wissen auch, dass man neben Anerkennung und Bewunderung für wissenschaftliche Leistung auch etwas anderes ernten kann – den Zorn einiger Heulsusen, die ihrer Empörung auf Twitter freien Lauf lassen.

Sicherlich kann man darüber schmunzeln, dass die Raumsonde Rosetta ihren Namen der ägyptischen Hafenstadt Rosette zu verdanken hat und aus Darmstadt gesteuert wird. Aber Pustekuchen. Was meiner Gesichtsmuskulatur freudige Zuckungen bereitet, war für einige Twitter-Trolle wohl nicht genug. Rosetta… Darmstadt… was fehlt denn da? Natürlich! Ein gehöriger Shitstorm.

Grund für diesen war das Hemd des ESA-Wissenschaftlers Dr. Matt Taylor (41), der die komplizierte Kometen-Mission seit ihrem Start betreut. Der renommierte britische Physiker, der insbesondere durch seine zahlreichen Tattoos und den Rockabilly-Look auffällt, erdreistete sich, ein Hawaii-Hemd zu tragen, das leichtbekleidete Comic-Blondinen zeigt. Ekelhaft, dachten sich einige MenschInnen auf Twitter, die Taylor und die gesamte ESA prompt als sexistischen Männerklub abstempelten. Kurz nach dem sogenannten „Shirtgate“, entschuldigte sich der zweifache Familienvater unter Tränen bei den empörten NörglerInnen. Seitdem scheint die Welt wieder in Ordnung.

Die ewig Empörten

Es ist schon etwas peinlich, was sich da Mitte November auf Twitter abspielte. Mal ganz davon abgesehen, dass der kurzweilige Diskurs die bahnbrechende Rosetta-Mission komplett überschattete und zu einer belanglosen Randerscheinung degradierte, zeigte er auch, wie schnell sich Nebensächlichkeiten in den Vordergrund drängen lassen. Hierzu braucht es lediglich eine Handvoll IdiotInnen, die sich mal wieder auskotzen müssen und die Medien, denen diese spezielle Kaste  gerade recht kommt.
Da kann man einen erfolgreichen Wissenschaftler, der eine winzige Raumsonde auf einem mehr als 500 Millionen Kilometer entfernten Brocken landet, der mit mehr als 120.000 Kilometern pro Stunde durch das All rast, auch mal als geschmacklosen Geek hinstellen. Besten Dank!
Mit Sicherheit hat Taylors Hemd keinen frauenfeindlichen Hintergrund, noch liegt der Verdacht nahe, hier gehe es um aktive Diskriminierung. Vielmehr identifizieren sich viele Frauen aus der Rockabilly-Szene mit Pin-ups, die zu den klassischen Ikonen dieser Szene gehören. Sie passen demnach ganz gut in Taylors Erscheinungsbild. Wer das geschmacklos findet, weiß es vermutlich nicht besser – und weiß wohl auch nicht, dass das Hemd selbst von einer Frau gestaltet wurde.

Das Hemd des Anstoßes …

… ist übrigens ausverkauft. Anscheinend teilen viele Menschen Taylors „schlechten Geschmack“ und bestellten sich den bunten Fetzen im Online-Shop der Künstlerin, die gleichzeitig die Frau von Taylors Tätowierer und eine gute Freundin des Physikers ist.  Das ursprüngliche Geburtstagsgeschenk ist zwar vergriffen – soll aber nachproduziert werden.

:Christian Kriegel