Wenn alles gut dreht
Ein Bochumer Ladenlokal in Zeiten der Corona-Krise
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Gewappnet mit Platten und Desinfektionsmittel – Jens Bahlo. Bild: fufu
Gewappnet mit Platten und Desinfektionsmittel – Jens Bahlo.

Interview. Seit Montag vergangener Woche kann man mit Einschränkungen wieder bummeln, stöbern und Schätze finden. Beispielsweise bei Bahlo Records, einem Schallplattenladen in Bochum. Wir haben mit Besitzer Jens Bahlo gesprochen und gefragt, wie sich die Corona-Krise auf ihn, seinen Laden und seine Kundschaft auswirkt.

:bsz:  Wie läuft es denn bei Euch seit der Wiederöffnung? Wirken die Leute eher unsicher? Oder freuen sie sich über die Wiedereröffnung?

Jens Bahlo: Ne, die freuen sich, dass sie wiederkommen können. Also wir haben ja viele Stammkunden – die wir auch gut kennen – und die freuen sich total, sich jetzt nach all den Wochen mal wieder hiermit zu beschäftigen; uns zu sehen und andere Kunden, die sie schon lang aus dem Laden kennen.

Sind es in erster Linie Stammkund*innen, die wiederkommen oder schauen auch viele beim Spazieren spontan rein?

Das ist hier eh nicht so, weil wir hier in einer Randlage sind und das ein spezielles Geschäft ist, das heißt, die Leute die kommen, die kommen wirklich gezielt. Laufkundschaft, die hier durch die Straße gehen und sehen „Ah, Schallplatten“ haben wir eh wenig. Und das ist in der ersten Woche so gemischt wie immer. Stammkunden und dann ein paar Leute, die ich noch nicht gesehen hatte, eigentlich fühlt sich die Woche total normal an. Auch die Umsätze sind im Prinzip exakt so, wie vor der Krise. Zumindest in dieser einen Woche.

Gibt es positive oder negative Nebeneffekte?

Im Prinzip ist es genauso wie vorher. Ich denke, dass so in drei, vier Wochen das alles anders aussehen wird. Ich habe viele Gespräche gehabt mit Kunden – ich habe viele Selbständige als Kunden – denen geht langsam der Arsch so ziemlich auf Grundeis. Die haben jetzt noch für ihr Hobby Geld über, ob die das aber in ein, zwei, Monaten noch haben ist nicht abzusehen. Da sind Leute dabei, die super-laufende Geschäfte haben – in unterschiedlichen Bereichen – aber wenn das noch ein paar Monate so weitergeht können die Insolvenz anmelden. Da glaube ich könnte die Atmosphäre und das Kaufverhalten komplett anders aussehen. In kurzer Zeit sogar.
Vor drei Tagen hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Kunden die beide selbständig sind in unterschiedlichen Bereichen und der eine ist ein sehr versierter Sammler der ganz teure Sammlerstücke kauft – die teuerste die er letztes Jahr gekauft hatte lag bei 300 Euro – der sagte zu mir auf Jahre wird er sich das nicht mehr leisten können.

Tritt denn die Maskenpflicht bei Euch ab Montag eigentlich auch ein?

Klar. Soweit ich weiß ÖPNV und wirklich alle Läden.

Was waren generell die Auflagen, die Ihr für die Wiedereröffnung bekommen habt?

Es hieß als die Läden wieder aufmachen durften – als die Info rauskam – dass das nur unter Auflagen geschehen darf. Aber die Auflagen waren nicht zu recherchieren! „Auflage“ heißt ja wirklich was, an das man sich halten muss. Das ist ja keine Empfehlung. Aber da war dann tagelang nichts zu lesen und dann hat die Stadt eine Checkliste auf ihre Homepage gestellt nur mit „dringenden Empfehlungen“. Ich weiß es nicht genau. Das einzige, was man immer wieder hört ist nur eine Person pro zehn Quadratmeter und deswegen habe ich das Schild („Max. 3 Personen“) da dran gemacht und versucht, mich dran zu halten. Da weiß ich aber nicht ganz genau, ob das absolut verpflichtend ist. Und wie gesagt, dass die Leute da nicht eineinhalb Meter aneinander dürfen, aber das ist ja jetzt schon ewig so. Spuckschutz, Hand-Desinfektion und eventuell Handschuhe, Mundschutz, alles was man machen könnte ist halt alles nur so ein Empfehlungs- oder dringender Empfehlungsstatus wohl.

Aber wenn man sich nicht dranhalten würde, würde jemand vorbeikommen und es würde Probleme geben?

Keine Ahnung. Weil es ja einfach nicht verpflichtend ist. Ich habe jetzt ein bisschen was gemacht. Also was ich jetzt für sinnvoll halte, ob ich das machen muss oder ob ich noch mehr machen müsste, das ist nicht klar. Vielleicht steht seit heute was Neues, das geht ja gerade alles ganz schnell, ich habe vor zwei Tagen zuletzt geguckt. Aber auch mit Händlerkollegen gesprochen denen es auch nicht klar wahr.

Was willst du noch los werden zur Lage?

Ja, was jetzt schon irgendwie auffällt - das ist jetzt nicht nur an den Laden geknüpft - ist, dass ich langsam das Gefühl hab, dass sich ein bisschen der Spirit ändert. Am Anfang auch bei vielen Telefonaten die ich dann privat mit Händlerkollegen in anderen Städten geführt habe, war alles noch so ein bisschen surreal und ein bisschen spannend und interessant aber jetzt nach fünf, sechs Wochen, werden die Leute langsam nervös. Also was ich gerade meinte, die Selbständigen, die ich kenne. Aber auch viele andere, haben jetzt Angst wieder zur Arbeit zu gehen. Physiotherapeuten und hasse nicht gesehen. Da krieg ich im Laden jetzt relativ viel mit. Aus den unterschiedlichsten Ecken. Immer mehr Leute auf Kurzarbeit; oder wo es im Gespräch ist in den Firmen. Das ist was, was mir gerade in den letzten drei vier Tagen so auffällt. Dass die Gespräche heute ganz anders aussehen als vor zwei Wochen.
Aktuell mache ich mir keine großen Sorgen. Die Frage ist wirklich, wie sieht es in einem Jahr, in zwei oder drei aus? Diese ganzen Spätwirkungen, da mach ich mir ziemlich Gedanken drüber. Für mich ist das jetzt kein Drama, wenn ich mal zwei Wochen zu hab, weil das alles solide läuft. Für mich ist aber interessant, wie sieht der Markt in einem halben oder einem Jahr aus? Auch, wie entwickeln sich die Preise? Wir handeln ja auch mit teuren Sammlerstücken. Ist ne Platte die heute vielleicht 300 kostet in einem Jahr nur noch 200 wert? Das würde den ganzen Bestand, den ich hab – wo ja ne Menge Kohle drin steckt – entwerten. Und so weiter. Ich bin überhaupt nicht panisch. Ich gucks mir an, ich nehm‘s, wie es kommt, aber das sind die Fragen, die dann irgendwann auftauchen demnächst.

:Das Interview führte Christian Feras Kaddoura

(Stand des Gesprächs: 25. April 2020)

 

Back in Business

Fast alle Geschäfte haben wieder auf! Also zumindest diejenigen, die sich an ein paar Regeln halten. Diese sind wie folgt: Alle Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern dürfen mit der Bedingung, dass der vorgegebene Mindestabstand eingehalten werden kann, ihre Türen öffnen. Was das genau heißt? In vielen Läden dürfen jetzt nur noch eine bestimmte Anzahl an Personen gleichzeitig versammelt sein. Wie viele das sind, hängt von der Größe des jeweiligen  Ladens ab. Stellt Euch also drauf ein, in langen Schlangen zu stehen beim Einkaufen. Es gibt auch einige Sonderregeln zu Läden mit einer Betriebsfläche von über 800 Quadratmetern. Zu den Ausnahmefällen gehören Bau- und Gartenmärkte, Autohäuser, Babymärkte, Fahrrad-Händler und Buchhandlungen. Natürlich musst Du Dich beim Betreten der Läden an die neuen Mundschutzregelungen halten. Erst mit bedecktem Mund ist dir das Betreten der Läden erlaubt. Falls Du keinen haben solltest, reicht auch ein Schal vor dem Gesicht oder ein Tuch. Es empfiehlt sich daher vor dem Einkauf eine Maske jeglicher Art zu besorgen, um nicht vor den Türen abgewiesen zu werden. Dennoch wünscht Euch die :bsz-Redaktion viel Spaß beim einkaufen und hofft, Ihr bleibt weiterhin vorsichtig und Gesund!

:kiki