Giftmischer und Heiler in einem
Ehre, wem Ehre gebührt?
CC0
Nazi-Doktor ehren und auf international machen? Passt nicht ganz.

Aufarbeitung. Die Uni Jena hat in den 1990ern einen Nazi-Arzt geehrt, nur um ihn 25 Jahre später wieder zu entehren. 

Bereits kurz nach der Machtübernahme der NSDAP trug der Mediziner Ludwig Heilmeyer (1899-1969) als Dozentenschaftsführer maßgeblich zur „Gleichschaltung“ der Universität Jena bei, an der er  sich sich habilitiert hatte und damals tätig war. 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen und meldete sich danns freiwillig für die Ostfront, wo er beratender Arzt beim Militärbefehlshaber in der Ukraine wurde. Zugleich leitete er eine Krankenanstalt in Krakau, in der politische und militärische Spitzenfunktionäre des über Polen errichteten Besatzungsregimes gepflegt wurden. Zudem war Heilmeyer mitverantwortlich für die medizinische Aufsicht über zwei Kriegsgefangenenlager für sowjetische Kriegsgefangene, in denen rund 150.000 internierte Rotarmist:innen durch systematische Unterernährung, Erschießungen und unzureichende beziehungsweise unterlassene medizinische Versorgung ermordet wurden. Nach 1945 machte Heilmeyer, wie so viele Altnazis und Mitläufer:innen, Karriere in Westdeutschland, zunächst in Düsseldorf, später in Freiburg im Breisgau. 1967 brachte er es zum Gründungsrektor der Medizinisch-Naturwissenschaftlichen Hochschule Ulm, der heutigen Uni Ulm. Dabei bemühte er sich, seinen Kollegen aus NS-Zeiten dabei zu helfen, um Verurteilungen wegen ihrer Verbrechen herum zu kommen. Darunter waren Wilhelm Beiglböcks und Kurt Plötner, die in den KZs Dachau und Sachsenhausen Experimente an Gefangenen durchgeführt hatten.

Für seine „Leistungen“ wurde Heilmeyer auch an seiner alten Uni in Jena geehrt. Freilich erst 1994. In der DDR wäre Heilmeyer allein für seine Vergehen an den Gefangenen der Roten Armee sicherlich zur Rechenschaft gezogen worden. Aber nicht nur das, erklärt Ramira, die selbst aus Jena stammt und in Essen Medizin studiert: „Antirassismus und Völkerfreundschaft, insbesondere gegenüber den osteuropäischen Ländern, wurden damals groß geschrieben“, erklärt die Studentin, deren Eltern in den 1970er Jahren aus Chile, wo seit 1973 das von den USA und der Bundesrepublik hofierte Pinochet-Regime herrschte, in die DDR geflohen waren. „So einen Nazi-Verbrecher zu ehren, das hätte es vor 1990 in Ostdeutschland nicht gegeben“, zeigt sie sich daher überzeugt.

Mit dem Anschluss der DDR an die BRD 1990 begann nicht nur eine rabiate Deindustrialisierung der neuen Bundesländer, sondern auch eine Entlassungswelle, die zahlreiche Staatsbedienstete, Beamt:innen und auch Wissenschaftler:innen im Hochschulbetrieb traf und mit einer wirtschaftsliberalen und politisch konservativen Umgestaltung des ostdeutschen Universitätsbetriebs einherging. In diesem Zusammenhang erfolgte auch die Widmung für Heilmeyer, die ganz in westdeutscher Tradition stand: In den letzten Jahren gab es hier immer wieder lokale Skandale, wenn erneut bekannt wird, dass wieder irgendeine Straße nach einem SS-Führer benannt ist. Von der Tatsache, dass jede Westdeutsche Stadt noch immer eine Wilhelm-, eine Bismarck- oder Gneisanau-Straße hat und überall Denkmale aus der Kaiserzeit herum stehen, ganz zu schweigen. Während das RKI, das nach dem Kolonialbeamten Robert Koch benannt ist, seinen Namen nach 1945 in Westdeutschland wie selbstverständlich behielt, wurden auch Bundeswehrkasernen ohne Zögern nach Wehrmachts- und NS-Militärs benannt. Die Liste ließe sich ergänzen. Anders sah es „drüben“ aus. Dort wurden Straßen nach Straßen, Plätze und Statuen an Führer:innen der Arbeiterbewegung und an Widerstandskämpfer:innen benannt.

Kürzlich gaben die Schiller-Uni wie auch das Universitätsklinikum Jena bekannt, dass die Gedenktafel für Heilmeyer aufgrund dessen Rolle in der NS-Zeit und seiner fehlenden Distanzierung zu entfernen sei. Dazu werde es eine Aufarbeitung geben. Ramira zeigt sich belustigt: „Es ist schon absurd“, kommentiert sie, „wie man uns ein Ehrenmahl für diesen Nazi in den Neunzigern einfach vor die Nase gesetzt hat, um ein symbolisches Zeichen gegen 50 Jahre Errungenschaften der DDR-Medizin und -Forschung zu setzen, um dann jetzt nach 25 Jahren plötzlich einen auf aufgeklärt zu machen und das Ding wieder abzureißen. Nun, ich denke, es hat seinen Zweck halt mittlerweile erfüllt. Dass man es aber selbst war, der diesen Verbrecher geehrt hat, und wieso man das gemacht hat, darüber spricht man jetzt natürlich nicht so gerne.“

:Leon Wystrychowski