Zehn Tage Off-Theaterszene in Dortmund: Das Festival Favoriten 2014
Du musst Dein Zivilisationsproblem lösen
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Du musst Dein Zivilisationsproblem lösen. Foto. bent
Löse es!

Experimentell und heterogen: Jeden zweiten Herbst ist Dortmund Schauplatz des Favoriten-Festivals. Auch in diesem Jahr lotete die freie Kunstszene vom 25. Oktober bis zum 1. November im Museum am Ostwall (MAO) mit Klang- und Videoinstallationen, Tanz, Performance oder Hörspielen nicht nur die Möglichkeiten der Kunst aus, sondern fragte auch nach der Erfahrung des alltäglichen Raums: Als Happening, als Stadtrundgang oder als Lauschangriff. Den zivilisatorischen Raum stellte dagegen die Theatergruppe subbotnik ganz in Frage: Ihr Stück „Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden“ begeisterte das Publikum im Dortmunder Schauspielhaus.

Angenommen, Adorno hätte damit Recht:  „Es gibt kein falsches Leben im Richtigen.“ Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten, auf diese bittere Tatsache zu reagieren: Entweder man hebt dieses falsche Leben politisch aus den Angeln oder man verzweifelt daran, dass es kein richtiges Leben gibt. Munter und inspirativ ist diese Verzweiflung, wenn sie künstlerisch in den Raum geht, wenn man etwa wieder die Natur in die Kultur einkehren lässt: Das evoziert auch die Installation im Museum am Ostwall. Über das grüne Rechteck inmitten des Gebäudes hoppeln Schafe, TänzerInnen in Kostümen, die wie Außerirdische anmuten, gesellen sich dazu, ein verträumter Soundtrack erklingt. Die von der studentischen Theater-Initiative Cheers for Fears präsentierte Performance „To Be Heard“ wird so zur hypnotischen Soundlandschaft.

Spywalk: Ein persönlicher Lauschangriff

Ein Festivalthema gab es nicht, gefragt wurde aber nach neuen Räumen: „Wie kann er aussehen, dieser Raum, in dem für einen Moment die Regeln des Alltags außer Kraft gesetzt sind?“ Und eine absurde Alltagswelt inszenierte die Cheers for Fears-Gruppe dagegen beim Happening „For Lovers. Eine Versetzung“ im Dortmunder Fletch Bizzel: Das Private verwischt dabei mit dem Öffentlichen, das Intime mit dadaistischem Nonsens. Verzweifeln lässt auch der Lauschangriffswahn von NSA, BND und Co: Das macht das interaktive Hörspiel „Spywalk. Ein persönlicher Lauschangriff“ spürbar: Mit dem Smartphone einloggen, Kopfhörer rein und beim Stadtrundgang „das Prinzip des Abhörens“ erfahren.

„I don’t eat animals and they don’t eat me“

Ein zivilisationskritisches Bärenbrüllen bot das Musik-Märchen „Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden“ von subbotnik. Die Tiere sind unzufrieden mit den Menschen und diese sind vor allem unzufrieden mit sich selbst. Zwar versichern die Menschen in einem Song, wie ihn Monty Python nicht hätte besser schreiben können, eine friedliche Koexistenz: „I don’t eat animals and they don’t eat me“. Aber die Sehnsucht nach neuen, alten Räumen bleibt erhalten: „Ich möchte einfach weg sein im Wald und nicht erreichbar sein“, jammert einer der Protagonisten. Der rasende Stillstand als märchenhafter Bühnentraum von der Müdigkeit eines Kindes, das einfach einschläft, statt der Erschöpfung des neurotischen Workaholics, der keine Ruhe findet. Also, weg mit der Zivilisation, zurück zur Natur! Ob dies das richtige Leben ist? Aber ja nicht verzweifeln!