Ein kleiner Ausflug in ein urmuslimisches Dorf mitten in Europa
Dschinghis Khans Erben
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Islamische Bräuche nach Jahrhunderten unter ChristInnen: Der muslimische Friedhof im polnischen Bohoniki ist sehr vom Christentum beeinflusst – das sieht man auch an den Vornamen der Tataren wie Jan (von Johannes). Foto: mar
Islamische Bräuche nach Jahrhunderten unter ChristInnen: Der muslimische Friedhof im polnischen Bohoniki ist sehr vom Christentum beeinflusst – das sieht man auch an den Vornamen der Tataren wie Jan (von Johannes).

Unlängst geriet die polnische Regierung in die Kritik, weil sie erstens nur wenige Geflüchtete aufnehmen wollte und zweitens weil sie nur bereit waren, ChristInnen aufzunehmen. Die Bevölkerung sei nicht bereit, sich auf den Islam einzulassen, hieß es von polnischer Seite oft. Dabei wurde genauso häufig übersehen, dass es eine einheimische muslimische Minderheit gibt – mitten in Europa! Seit hunderten von Jahren leben TatarInnen in Polen. Unser Redakteur und Student der Religionswissenschaft Marek besuchte das tatarische Dorf Bohoniki.

Noch nie war ich so weit nach Osten vorgedrungen. Das Dorf Bohoniki, das eine von nur vier Moscheen in Polen birgt, ist rund 50 Kilometer von der Großstadt Białystok und etwa acht Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. 

Als ich mitten in der Nacht ankomme, werde ich von vielfachem Hundegebell begrüßt. Das Dorf unbemerkt zu durchqueren ist unmöglich, allerdings hat man die Handvoll Höfe, die links und rechts der Straße stehen, auch in wenigen Minuten hinter sich gebracht. Die hölzerne Moschee aus dem 18. Jahrhundert ist des Dorfes ganzer Stolz und die gesamte Nacht beleuchtet. Zusammen mit dem Gasthaus schräg gegenüber und dem muslimischen Friedhof außerhalb lockt sie täglich eine Handvoll TouristInnen an – die einzige Erwerbsquelle im Dorf, die nicht die Landwirtschaft ist. Und im Gasthaus, wo tatarische Speisen die mit wohlkingenden Namen wie kołduny oder pierekaczewniki serviert werden, arbeiten Tatarinnen und Tataren von außerhalb.

Mongolische Krieger wurden zu guten polnischen Bauern

In Polen leben knapp 2.000 TatarInnen, Nachkommen von Ausgewanderten aus dem Reich der Goldenen Horde, einem Nachfolgestaat des Reiches Dschingis Khans. Die meisten von ihnen identifizieren sich heute eher als PolInnen, manchmal nennen sie sich polnische Moslems. Ungewöhnlich in einem Land, dessen Volk auch in der eigenen Wahrnehmung oft gleichgesetzt wird mit KatholikInnen. Dennoch, so erzählten mir Menschen in Białystok, sind die TatarInnen „bessere Polen“ als die orthodoxen PolInnen, die es in der Gegend ebenfalls gibt.

Tatsächlich sehe ich in Bohoniki, wo vier tatarische Familien leben, einen sehr polnischen Islam: Fünf Mal beten am Tag muss nicht sein, der Friedhof sieht aus wie jeder andere polnische, nur mit einer Halbmondflut statt Kreuzen, und der Sohn des alten tatarischen Bauernpaares hat seinen Führerschein wegen Alkohols am Steuer verloren. „Wir leben unter Polen“, sagt die Tatarin Zofia zu mir. „Unsere Religion ist muslimisch, aber wir sind Polen“, fasst sie zusammen. Der Islam gehört zu Europa.

:Marek Firlej

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