Kommentar: Warum wir unser Klugfon nicht aus der Hand legen können
Digitale FreundInnen rocken mehr als reale?
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Und schwupps! Wieder den Bus verpasst, weil man auf sein Telefon glotzen musste. Quelle: pixabay.de
Und schwupps! Wieder den Bus verpasst, weil man auf sein Telefon glotzen musste.

Wir liegen im Bett, durchgeschwitzt und nackt, erschöpft, aber glücklich. Sie  löst sich aus meiner Umarmung und langt nach ihrem Nachttisch. Die klassische Zigarette danach, denke ich. Doch das rechteckige Ding in ihrer Hand ist keine Zigarettenschachtel, sondern ein Klugfon. Ich bestehe nicht aufs Schmusen danach, aber eindeutiger kann man Gleichgültigkeit nicht demonstrieren. Doch die Frau neben mir ist sich, wie Millionen anderer Menschen auch, ihrer Unhöflichkeit gar nicht bewusst.

Wer auf die U35 wartet und dabei nicht mit dem Finger auf einer Glasplatte rumwischt, ist schon fast eine Sensation – die allerdings niemand wahrnimmt, denn aller Augen sind auf ebenjene Glasplatte vor dem Gesicht fixiert. Gut, es gibt kaum einen schlimmeren Lebenszeitverlust als untätiges Warten. Aber ein ähnliches Bild bietet sich auch anderswo.

Das Halbdunkel der Kneipen im Bermudadreieck ist an jedem Tisch von mindestens einem Handydisplay erleuchtet. Die Leute treffen sich, um gemeinsam einsam zu sein. Wozu dieses Treffen, wenn die Menschen am Messenger anscheinend interessanter sind? Wir erleben die totale ständige Erreichbarkeit bei gleichzeitiger Nichtansprechbarkeit. So werde ich nie werden!, sagte ich mir. Bis ich mir ein Smartphone besorgte und es nicht wieder aus der Hand legte.

Ein Beispiel: Es ist noch nicht so lange her, da hat man sich so verabredet: „Hast du Lust auf Kino? Heute um 20 Uhr Hollywood-Geballer 4 im Bofimax“ per SMS. Antwort-SMS: „Alles klar, bin dabei.“  Heute sieht das anders aus. Pseudogesprächseinleitung via WhatsApp: „Na alles klar?“ Antwort: „Läuft, bei dir?“ „Auch. Hast Du Lust auf Kino?“ „Jo, welcher Film?“ Dann 15 Minuten Pause, weil der Dozent gerade was Wichtiges sagt. Auf die Antwort folgt die nächste Frage: „Welches Kino?“ Danach „Wer kommt’n noch mit?“ Und schließlich „Wann überhaupt?“ Was man in zwei Minuten und 19 Cent pro SMS hätte klären können, kann man heute dank Gratis-Kommunikation in nur einer halben Stunde abhandeln.

Wenn ich zu meiner Liebhaberin fahre, lasse zumindest ich mein Telefon lieber zu Hause.

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