Kulturclash
Die Zerfaserung des Studierendenlebens
Bild:stem
Unterschiedliche Lebenswelten – Nur am Campus kann eine gemeinsame Kultur erblühen.

Essay. Um Erfahrungen auszutauschen, muss die Studikultur gerettet werden. Doch dazu braucht es mehr, als Online-Seminare.

Das Studium bedeutet für viele Menschen einen neuen Lebensabschnitt, neue Bekanntschaften, neue Interessen. Damit sind in unserer Popkultur vielfältige Klischees verbunden: Studierendenpartys, WG-Leben, Lerngruppen und vieles mehr. Häufig werden diese vielen Ausprägungen des  Studierendenlebens unter dem Begriff der „Studierendenkultur“ über einen Kamm geschoren.
Doch vielleicht müssen wir uns die Frage stellen, ob es eine gemeinsam erlebte „Studikultur“ wirklich je gab. Während die einen jedes Wochenende feiern gehen, bleiben die anderen zuhause und zocken oder pauken die Nächte durch. Während Studikultur für die einen schier zügellose Freiheit bedeutet, bedeutet es für die anderen ein nicht enden wollendes Sperrfeuer von Klausuren, Seminaren, Hausarbeiten und Verpflichtungen. Diese Erfahrungen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie prägen uns und bewegen uns in unterschiedliche Richtungen, sodass es bisweilen schwierig wird, unsere Erfahrungen mit anderen Studierenden zu teilen, die kaum Anschlusspunkte haben. Nicht selten sitzt man dann jemandem gegenüber, der:die begeistert über sein:ihr Leben erzählt, aber mehr als Nicken oder kurze Aussprüche wie „Ja, total!“ bleibt nicht übrig, da man selbst nicht Teil dieser Subkultur ist und sich die sozialen Kodexe nicht antrainiert hat.
Nun befinden wir uns in der Corona-Pandemie und die gemeinsam gelebte Welt zerfasert sich weiter. Eine derzeit gängige Faustregel ist, dass die Corona-Pandemie ein Beschleuniger von Prozessen sei, die ohnehin schon stattfanden. Anstatt, dass sich viele Arbeitsplätze innerhalb der nächsten zehn, zwanzig Jahre in das
Home-Office verschieben, reduzierte die Pandemie den Prozess auf wenige Wochen. Der Versandhandel konsolidierte sich innerhalb weniger Monate und gräbt Kleinunternehmen die Existenzchancen in einer Geschwindigkeit ab, die wir uns vor einem Jahr nicht vorstellen konnten. Doch diese Zerfaserung einer gemeinsamen Erfahrung ist anders. Trotz Fernunis, MOOCs (Massive Open Online Courses), Online-Klausuren und sanft-zögerlichen Digitalisierungsmaßnahmen zeichnete sich an Unis keine grundlegende Abkehr vom Brot und Butter der Bildung, der Präsenzlehre, ab. Dadurch, dass wir seit einem Semester – und in weiten Teilen auch noch mindestens ein weiteres Semester – keinen Kontakt zu anderen Studierenden haben, entfällt auch die Verständigung und der Einblick in andere Lebensarten in weiten Teilen. Denn häufig besteht der engere Kreis von direkten Bekannten, zu denen man auch außerhalb der Uni Kontakt hat, aus Menschen, die ähnliche Interessen haben. Die gemeinsame Welt, aber auch die getrennten Erfahrungen, die wir erleben und im Rahmen dieser paar Jahre in der Uni teilen, sind uns nur wirklich zugänglich, wenn wir uns auf dem Campus befinden. Sei es durch Gespräche mit Kommiliton:innen, aufgeschnappte Unterhaltungen über durchgemachte Nächte oder das Knüpfen von Seminarfreundschaften sowie langfristigen Freundschaften.
Ganz radikal gedacht ist Studikultur nur das, was auf dem Campus passiert. Es ist der gemeinsame Ort, auf dem sich Verständigung über diese vielen unterschiedlichen Arten von „Studium“ abspielt. Die Wichtigkeit dieses kulturellen Austausches sollte ein essenzieller Aspekt davon sein, wie wir weiter über Universitäten denken.                    

  :Stefan Moll

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