„Studierst du noch oder lebst du schon?“ zeichnet die Strapazen, die alle kennen, die eine Abschlussarbeit schreiben
Die Schrecken einer Dissertation
Bild: Knaus
Nicht Crack, nicht Heroin, sondern Diss: Der Weg zum Doktortitel ist hart. Bild: Knaus
Nicht Crack, nicht Heroin, sondern Diss: Der Weg zum Doktortitel ist hart.

Von ihrer Arbeit in der Schule genervt, kann sich Jeanne nichts Schöneres vorstellen, als an die Uni zurückzukehren und eine Promotion in Angriff zu nehmen. Voller Enthusiasmus schreibt sie sich als Doktorandin ein. Doch der Elan währt nicht lang. Den Menschen an der Universität scheint nicht einmal ansatzweise etwas daran zu liegen, dass Jeanne jemals mit dieser Dissertation fertig werden soll. „Studierst du noch oder lebst du schon?“ ist der Debut-Comic der französischen Zeichnerin Tiphaine Rivière und in ihrem Heimatland direkt ein Hit.

Jeanne betritt das Promotionsbüro der Geisteswissenschaften an der Sorbonne. Sie möchte sich hier als Doktorandin einschreiben und stößt im Büro direkt auf das erste Hindernis: Die unfreundliche und sauertöpfische Sektretärin Brigitte Claude ist seit 1987 hier tätig und hat in dieser Zeit ausgeklügelte Techniken entwickelt, um so wenig wie möglich von den Studierenden behelligt zu werden. Als Jeanne freudestrahlend ihr Anliegen vorträgt, versucht die Sekretärin, ihr das direkt wieder auszureden. Immerhin würden 60 Prozent der DoktorandInnen ihre Promotion abbrechen und selbst mit einer abgeschlossenen Dissertation fände Jeanne keinen Job. Als nächstes zeigt sie Jeanne ein paar Bilder von anderen Promovierenden, wie sie im Laufe der Forschungsprozesses rapide gealtert seien.

Doch all das hält Jeanne nicht davon ab, sich einzuschreiben. Damit beginnt für sie eine qualvolle Zeit der Entsagung von allem Schönem im Leben.

L’université n’est pas un ponyhof

Tiphaine Rivière schildert die leidvolle Zeit, die eine Abschlussarbeit in das Leben einer Person bringt. Von Zeitmangel und Geldsorgen über inkompetente BetreuerInnen bis zum langsamen Sterben jeglicher sozialer Kontakte lässt sie kein Thema aus.

Nach diesem Comic hat man wahrlich keine Lust mehr, zu promovieren. Der Wahnsinn, der täglich an einer Uni so passiert, wird sehr detailreich und in verschiedensten Varianten beleuchtet. Man kann Bild für Bild mitverfolgen, wie die Protagonistin immer weiter im Sumpf ihrer Dissertation versinkt. Die wunderschön gezeichneten Situationen  sind in ihrer Absurdität leider erschreckend wahr. 

Rotzig und doch liebevoll

Rivière zeichnet sehr frech und setzt in ihren Bildern mit wenigen Details den Fokus auf das momentane Geschehen. Die Charaktereigenschaften der auftretenden Personen werden durch ihr Äußeres meistens noch einmal besonders unterstrichen. Die Protagonistin ist besonders gut getroffen, man kann durch den ganzen Comic mitverfolgen, wie sich die sympathische, junge Doktorandin in ein geistiges und körperliches Wrack verwandelt. Die Autorin erzählt in diesem Debut einen Teil ihrer eigenen Geschichte, da sie vor dem Beginn ihrer Karriere als Comiczeichnerin selber eine Promotion in Literaturwissenschaften abgebrochen hatte. Aus diesem Grund strotzt der Comic vermutlich nur so von Realsatire.

Gastautorin :Ulrike Emonds

schreibt zurzeit selbst ihre Bachelorarbeit in UTRM an der RUB

Tiphaine Rivière:
„Studierst du noch oder lebst du schon?“
Knaus-Verlag
179 Seiten
19,99 Euro
 

 

 

 

 

 

 

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