Vogeljunge auf dem Campus
Die Ruhr-Uni, Steinbruch des Wissens?
Bild:kjan
„Auf die Krallen muss man aufpassen“ - Seit 38 Jahren leitet Thorsten Kestner den Paasmühle e.V.

Vögel. Drei kleine Uhus nannten den Campus ihr Zuhause. Jetzt sind sie in der Vogelauffangstation von Thorsten Kestner, der sich um sie kümmert und ein neues vorläufiges Heim bei einem Ammenvogel sucht. 

Als ihm der erste junge Uhu gebracht wurde, der auf dem Campus der Ruhr-Universität gefunden wurde, hatte Thorsten Kestner noch Zweifel. Der Leiter der Vogelauffangstation Paasmühle e. V. vermutete, dass irgendjemand ihn dorthin gebracht haben muss, wahrscheinlich von der nicht weit entfernten Grünen Schule. Das Berufsbildungsinstitut stand schon öfter mit ihm im Kontakt, weil im nahen Steinbruch Uhus nisten. Doch als in den darauffolgenden Tagen noch zwei weitere Uhus, die auf dem Campus herumliefen, bei Kestner landeten, verschwanden diese Zweifel. Durch die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist es auf dem Campus sehr ruhig geworden, ideal für die sehr empfindlichen Uhus: „Die sehen keine Uni, sondern einen richtig guten Fels“, so Kestner. Auf den Flachdächern und Balkonen finden sie die Nistplätze die sie sonst vor allem in Steinbrüchen suchen. Besonders wichtig ist es jedoch, dass sie ungestört nisten können. Ein noch betriebener Steinbruch ist dabei sogar ein weniger großes Problem, als zum Beispiel Kletterer, die in stillgelegten Steinbrüchen in unmittelbarer Nähe der Nester klettern. Die Jungvögel, die auf dem Campus gefunden wurden, waren sogenannte Ästlinge, also der Nestlingsphase entwachsen und langsam dabei das Laufen, Klettern und Fliegen zu lernen. Während die Uni als Nistplatz gut funktioniert, ist sie hierfür jedoch denkbar ungeeignet. 

Thorsten Kestner leitet den Paasmühle e. V. seit mittlerweile 38 Jahren und kümmert sich auf dem Gelände in Hattingen seitdem um schwer- und schwerstverletzte Greif-, Eulen- und Wasservögel sowie verwaiste oder verlassene Jungvögel. Ungefähr 1.700 Vögel werden ihm dort jedes Jahr von unter anderem Feuerwehr, Tierschutzvereinen und Privatpersonen gebracht, um auf eine schlussendliche Auswilderung vorbereitet zu werden. Für den gelernten Architekten ist das alles ein Hobby, praktisch ausschließlich selbst finanziert.  

Eulenvögel seien ein schwieriger Fall, da sie sich leicht an den Menschen gewöhnen. Darum sucht Kestner zurzeit nach einem Ammenvogel, der die drei Jungtiere aufziehen kann, bis sie im September oder Oktober ausgewildert werden können. Das muss auch kein Uhu sein, denn ein Vogel, der sich als Ammenvogel eignet, kann auch Junge fremder Arten aufziehen. So gäbe es sogar schon Fälle von Greifvögeln, die Hühnerküken als Ammenvogel aufzogen, obwohl diese sonst eher als Futter für sie enden. Seit 22 Jahren lebt auch der Uhu Fussel bei Kestner. Als er diesen bekam waren Uhus noch seltener, doch bereits auf dem Weg der Besserung von einem Bestandstief von 50 Brutpaaren in den 60er und 70ern. Durch vielfältige Schutzmaßnahmen und harte Arbeit gibt es wieder ungefähr 2.000 Brutpaare. Den, mit einem Gewicht von 2,2-3,2 Kilo und Flügelspannweite von ca. 168 Zentimeter (weiblich), weltgrößten Eulenvogel findet man mittlerweile wieder in fast ganz Deutschland. Wer die Vögel des Paasmühle e. V. selber besuchen will muss sich aber wohl mindestens noch ein Jahr gedulden, denn der sowieso schon hohe Kostenpunkt und die dafür nötigen Vorkehrungen wegen der Corona-Pandemie, machen es unwahrscheinlich, dass wie die letzten Jahre im August ein Tag der offenen Tür stattfinden kann. Doch auch dann wird es sich sicherlich lohnen, um die eindrucksvollen Tiere und die wichtige Arbeit von Thorsten Kestner mit eigenen Augen zu sehen.

        :Jan-Krischan Spohr