Von zweiköpfigen Tieren und kopflosen Experimenten
Die realen Frankensteins
Karikatur: Michael Holtschulte
Nicht den Kopf verlieren: Die Wissenschaft treibt manchmal seltsame Blüten. - Karikatur: Michael Holtschulte
Nicht den Kopf verlieren: Die Wissenschaft treibt manchmal seltsame Blüten.

(Philipp Pauli, koi) „Frankenstein“ ist in unserem Bewusstsein eine Geschichte fern jeglicher wissenschaftlicher Realität. Mary Shelley ließ 1818 ihren fiktiven gleichnamigen Wissenschaftler ein menschliches Wesen aus verschiedenen Körpern erschaffen. Aber ist die Geschichte des außer Kontrolle geratenen Monsters wirklich nur bizarre Science-Fiction?

Die Vorstellung, einen nach dem Bau­kastenprinzip zusammengehefteten Klumpen Fleisch mithilfe von Blitzableitern zum Leben zu erwecken, wurde tatsächlich nie in die Tat umgesetzt. Gefährlich weit fortgeschritten allerdings ist eine Reihe von Experimenten, die zwischen den 1930er und 1970er Jahren durchgeführt wurde. Während der Weltkriege von der Notwendigkeit inspiriert, Organe wie die Lunge und das Herz zu transplantieren, ging ein Russe noch weiter und meisterte die Königsdisziplin: Wladimir Demichow transplantierte komplette Köpfe.

Zweiköpfige Schäferhunde

Der Wissenschaftler bewies zunächst die theoretische Machbarkeit des Vorhabens, indem er einen Hundekopf vom Körper trennte und per Schlauch vom Blutkreislauf eines Artgenossen versorgen ließ. Der Kopf reagierte auf äußere Reize und konnte tagelang am Leben gehalten werden. Insgesamt entwickelte Demichow im Zuge seiner fragwürdigen Forschungen ganze 24 verschiedene Transplantationsmethoden. Im Schnitt fielen jeder dieser Methoden etwa zehn Lebewesen zum Opfer – insgesamt sprechen Quellen von 250 toten Versuchstieren.

Mit seinen Forschungen inspirierte der russische Transplantationspionier, der kurz vor seinem Tod noch „für Verdienste am Vaterland“ ausgezeichnet wurde, den „zweitgrößten Südafrikaner aller Zeiten“ nach Nelson Mandela: Christiaan Barnard. Der Herzchirurg führte die erste Transplantation eines menschlichen Herzens in einen menschlichen Körper durch. Ein anderer Chirurg hatte sich bei einer ähnlichen OP bereits drei Jahre zuvor mit einem Schimpansenherz versucht. Das Ergebnis des grotesk anmutenden Experiments: Das unfreiwillig gespendete Affenherz versagte ob der ungewohnten Belastung prompt den Dienst und ließ neben einer Blutlache fassungslose Mediziner und eine Leiche zurück.
Barnard und sein 30-köpfiges Team waren mit der Verpflanzung menschlicher Herzen erfolgreicher: Nachdem das erste, am 3. Dezember 1967 eingesetzte Herz seinen Wirt bis zu dessen Tod nur 18 Tage lang mit Blut versorgen konnte, lebte der zweite erwachsene Empfänger eines Spenderherzes um ein Vielfaches länger: 19 Monate lang erfreute sich Philip Blaiberg seines neuen Organs – offenbar Zeit genug, um ein Buch über sein zweites, neues Leben zu schreiben und zu veröffentlichen („Looking at my heart“). Barnard, der seinen neu erworbenen Ruhm im Jetset genoss, betrachtete Demichow als seinen Lehrer – und das mitten im Kalten Krieg. Trotz Eisernen Vorhangs besuchte er das Vorbild mehrfach im Labor.

Während Demichows Versuche noch in der Erschaffung eines zweiköpfigen Schäferhundes gipfelten (der stolze 32 Tage überlebte), trieb der Amerikaner Robert J. White die Disziplin zu neuen Höhen: Er führte komplette Kopftransplantationen mit Rhesusaffen durch. Eine Kopftransplantation ist ein Rennen gegen die Zeit. Das extrem empfindliche Gehirn stirbt nach wenigen Minuten ab, wenn es bei Raumtemperatur der Umgebung ausgesetzt ist. White kühlte das Blut des Körperspenders auf 10-14 °C herunter und schloss dessen Halsschlagadern an den neuen Kopf an, gleichzeitig die alte Blutversorgung kappend. Anschliessend vernähte sein 18-köpfiges Team aus Chirurgen und Biochemikern präzise die einzelnen Strukturen des Halses. Der Erfolg der Operation war bewiesen, als die neue Kreatur aus der Narkose aufwachte, auf äußere Reize reagierte und die Zähne fletschte. Andere Möglichkeiten, seinem Schmerz und seiner Aggression Ausdruck zu verleihen, hatte der Primat nicht – denn die Verbindung der Nervenbahnen im Genick war damals wie heute undenkbar.

Kirchlicher Segen

Für seine makabren Versuche, die als „Abfallprodukte“ ihrerseits wieder je einen Körper und einen Kopf produzierten, versicherte sich White in einer päpstlichen Privataudienz eigens des vatikanischen Segens: „Der Heilige Vater hat mich in meiner Arbeit ermuntert“, zitiert der Spiegel 1976 White nach seinem Zusammentreffen mit Papst Paul VI. White setzte mit seiner Kühlmethode, einigen speziellen Handgriffen und einem Werkzeug zum Verknüpfen großer Blutbahnen neue Standards in der Neurochirurgie. Andererseits wurde und wird seine Arbeit von vielen aus moralischen Bedenken und Tierschutzgründen verachtet. Hätte White in den 70er Jahren die benötigte monetäre Unterstützung bekommen, hätte er seine Arbeit weitergeführt und letzten Endes auf den Menschen übertragen – wozu es jedoch nie gekommen ist. Erscheint eine derartige Verpflanzung schon bei Tieren sinnfrei, entbehrt die Begründung für diesen entscheidenden Einschnitt in ein menschliches Leben jeglicher Vernunft. White argumentierte, dass zum Beispiel Menschen, die unter Magenkrebs litten, an ihren ja weiterhin funktionierenden Kopf einen ebenfalls gesunden Körper andocken könnten. Statt einer Kopf-Verpflanzung müsse man eigentlich von einer Körper-Transplantation sprechen. Wie allerdings die Nervenbahnen zwischen den beiden gesunden Komponenten verbunden werden sollten, wusste auch der makabre Visionär nicht. Es bleibt anzunehmen, dass selbst Magenkrebsopfer die Vorstellung, den Rest ihres Lebens zähnefletschend auf einem unkontrollierbaren Rumpf zu thronen, nicht in Betracht ziehen würden. Im Jahr 2000 suchte White das letzte Mal mediale Aufmerksamkeit, als er im Zusammenhang mit seinem Lebenswerk den Namen Stephen Hawking erwähnte. Die bewusste Provokation ignorierten aber sowohl der berühmte Physiker als auch die meisten Medien.

Übrigens geht auch die Botschaft hinter der fatalen Erschaffung des fiktiven Frankenstein-Unholds in die gleiche Richtung: Der Mensch soll sich nicht zum Leben erzeugenden Gott aufschwingen, gibt Shelley ihrem Machwerk als Moral mit. Doch auch säkulare Stimmen sind sich noch heute mit der Autorin einig: Es gibt keine Akzeptanz für derartig perverse Versuche – auch wenn vermeintliche Wunder der modernen Medizin von ihnen inspiriert sind. Heutzutage sind BiomedizinerInnen ohnehin viel weiter: Statt verderblicher menschlicher Körperteile träumt man in unseren Tagen von mechanisch-technisch aufgemotzten Wundermenschen – Robocops und Cyborgs lassen grüßen.

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