Kommentar: Wohnheimprivatisierung: Hochschulpolitische Linke gefordert
Die neoliberale Uni als Chance

Ungewissheit, Verzweiflung und Wut: Die jüngste Ankündigung des Bistums Essen, das Wohnheim Haus Michael an eine Investorengruppe zu verhökern, zeigt, wie sehr die neoliberale Uni Studierende stresst. Und doch ist sie eine Chance für die hochschulpolitische Linke.

„Es gibt keine Gesellschaft“, hat Margaret Thatcher mal weise festgestellt. Die Sentenz dieser Heiligen des Neoliberalismus kann man auch auf die Uni übertragen: „Es gibt keine studentische Campus-Kultur.“ Egal ob Engagement in Studierendenschaften, Listen oder anderen Initiativen, freies, kritisches Lernen und Diskutieren ohne CP-Zwang, Partys ohne Auflagen und Reglementierungen oder auch bezahlbares und gutes Wohnen – was man aus studentischer Sicht einfordern könnte (oder sollte), steht in zunehmendem Widerspruch zur neoliberalen Umstrukturierung der Uni. Die Begleiterscheinung dieses ökonomischen wie ideologischen Projekts sind bekannt: eine strukturelle Unterfinanzierung, sukzessive Kürzungen, Verschulung der Lehrpläne und ausschließliche Eliten-Förderung.

Dass das Bistum Essen nun, ohne die BewohnerInnen zu informieren, den Verkauf des Wohnheims Haus Michael an eine private InvestorInnengruppe mit völliger Intransparenz abwickelt, ist ein Skandal. Und doch reiht es sich in die jüngsten neoliberalen Reformen ein.

Raus aus dem Elfenbeinturm!

Für Studierende aber auch für hochschulpolitische Gruppen ist das zugleich eine Chance, Protest gegen den geplanten Verkauf an eineN InvestorIn zu initiieren – sei es durch Unterschriftensammlungen, Kundgebungen, Soli-Veranstaltungen oder Hausbesetzungen.

Dass Studierende oft von teuren Mieten und prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen betroffen sind, scheint aber gerade die hochschulpolitische Linke nicht mitzubekommen: Sie ist ein arroganter, szene-exklusiver  und unfähiger Haufen, der in seinem Elfenbeinturm zwischen sprachpolizeilicher political correctnes und kleinkarierten Machtkämpfen schwankt und soziale Fragen dabei zu sehr ausblendet. Aber die Neoliberalisierung schreitet voran. Man sollte sie als Chance für Protest sehen. Sonst wird Thatcher Recht behalten.

:Benjamin Trilling