„Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“ im Schauspielhaus Bochum
Die Leiden der nicht mehr jungen Anita
Foto: Diana Küster
Allein in der guten Stube: Anke Zilllich als Mutter Kramer. - Foto: Diana Küster
Allein in der guten Stube: Anke Zilllich als Mutter Kramer.

In zu großen Männerschuhen schlurft Anita durch den Raum, setzt sich und beginnt zu warten. Anita Kramer (Anke Zillich) hat sich ihr Leben bequem in der Unbequemlichkeit eingerichtet: Sie selbst längst pensioniert, der Ehemann gestorben, die einzige Tochter hat den Kontakt abgebrochen, sitzt in der guten Stube und wartet: wartet auf den Kaffee mit der Putzfrau. Wartet auf Freitag, da ist Bibelstunde. Wartet auf den Tod. Warten ist leichter als sich selbst die Frage zu stellen, warum nichts so ist, wie sie es gerne hätte. Doch da schellt es an der Tür, und unbequeme Wahrheiten verlangen Einlass.

Das Publikum staunte nicht schlecht, denn das Programmheft wollte nicht so recht zu dem passen, was da auf der Bühne zu sehen war. Abgedruckt waren Aufnahmen der Uraufführung im Rahmen der Ruhrfestspiele im Mai 2013. Die Regisseurin Heike Götz hat für die Bochumer Premiere eine, man muss fast sagen, völlig andere Regiearbeit vorgelegt: Wo sich in Recklinghausen die Symbolsprache austoben durfte und Anita als eine Art pensionierte Nora in ein bunt-grelles Puppenheim gesteckt wurde, weht auf der Bochumer Bühne die kühle Andeutung. Das Bühnenbild ist schlicht, fast schon nüchtern, weist die gutbürgerliche Stube klar als solche aus und belässt es bei dieser Abbildung. Auch die Kostüme laden nicht zum Querverweise-Rätsel-Raten ein, sondern sind, was sie vorzugeben scheinen. Alles ist hier nun mal, wie es eben ist – ganz so wie in der kleinen Welt der pensionierten Grundschullehrerin Anita Kramer.

Unser täglich Kaffee und Kuchen gib uns heute

Der Pfeiler der Bürgerlichkeit, der nachmittägliche Kaffee und Kuchen, bestimmt und strukturiert Kramers Leben. Gefühle werden mit den Krümeln vom Tisch gewischt. Doch die eigene Tochter will sich nicht mehr brav an den Tisch setzen. Kramer versteht nicht warum, kann sich nicht vorstellen, was die Tochter bewegt, was sie fühlen könnte. In ihrer Welt gibt es nur „So macht man das halt“ – für alles andere, für alles Leben, das zwischen diesen Regeln stattfindet, ist kein Platz. Sie kennt es noch nicht mal, das echte Leben, das Leben der Anderen, jenseits der Grenzen ihrer guten BürgerInnenstube. Es hat sie, wie so vieles, nie interessiert. Als der arbeitslose Zuckerbäcker Rudi (Raiko Küster) an ihrer Tür klingelt, um ihr ihr Portemonnaie zurückzubringen, ist auf einmal nichts mehr, wie es scheint. Die beiden beginnen eine Liebesbeziehung – sehr zum Missfallen ihres Umfeldes. Ab jetzt könnte alles so schön sein. Aber es wird hässlich.

Money, Money, Money

Rudi, der sich Hudi spricht, denn „Rudis gibt es so viele, Hudi nur einen“, bringt die Regeln und Gesetze des Jobcenters in Kramers trautes Heim. Ihre Vorschläge bleiben naiv: „Das wird man doch klären können, das kann man denen doch sagen.“ Wer sich nie mit behördlicher Willkür auseinandersetzen musste, der/die glaubt auch an das Gute in den Behörden. Wie es der Zufall des Autors so will, ist Kramers Tochter die neue Chefin des Jobcenters. Energisch stürmt sie wieder in das Leben ihrer Mutter. Auch sie hat keine Worte für ihre Gefühle, nur leere Phrasen. Sie ist auch nicht auf Versöhnung aus, sondern auf das abbezahlte Haus. Mit ihrer Vorliebe für Kramers Geld ist sie aber nicht allein, wie die Rentnerin schmerzhaft erkennen muss. Doch statt sich wieder im Unwissen behaglich zu machen, schleudert sie allen üblen Menschenzügen bedingungslose Empathie und Solidarität entgegen. Dass sie dabei nie albern wirkt, ist Anke Zillichs einfühlsamem Spiel zu verdanken.

Irrungen und Wirrungen eines Autors

Christoph Nußbaumeders Stückvorlage verwickelt nicht nur alle Personen unglaubwürdig miteinander, sondern auch alle neuen und alten Sozialthemen: Karrieredruck, Rentensorgen, Klassenunterschiede, Mittelstandsängste, Jobcenter-Erzählungen und natürlich die Medien selbst. Bei so viel Unterricht in Sozialmoral und all den Wahrheiten, die hier ans Licht treten, hätte der Abend zum ZDF-Fernsehspiel abrutschen können. Ist er aber nicht. Dank des großartigen Ensembles und der ruhigen Regie verzeiht man gerne den einen oder anderen Abstecher in die Trickkiste der Öffentlich-Rechtlichen.

Nächste Termine:

So 24.November, 17 Uhr,
Kammerspiele

Sa 30. November, 18:45 Uhr:
Einführung im Theater Unten,
19:30 Uhr, Kammerspiele