Verschwörungstheorien
Die Kriege, die wir nicht kommen sehen
Bild:stem
Blue Screen of Death: Verschwörungstheorien werden nicht geduldet.
Blue Screen of Death: Verschwörungstheorien werden nicht geduldet.

Kommentar. Microsoft-Gründer Bill Gates muss sich gegen Verschwörungstheorien behaupten. 

Als der Journalist Ezra Klein im Gespräch mit Microsoft-Gründer Bill Gates scherzend fragt, warum dieser denn nun das Coronavirus erschaffen hat, war dieser nicht zum Scherzen aufgelegt. Gates war in den vergangenen Wochen Ziel einiger Verschwörungstheorien gewesen. Grundlage war neben weiteren Statements ein Ted Talk mit dem Titel „The next outbreak? We‘re not ready“ (dt.: Der nächste Ausbruch? Wir sind nicht bereit) aus dem Jahr 2015, in dem Gates die Merkmale der Krankheit, die sich nun ausbreitet, mit Präzision beschrieb. Es könne sich um eine Krankheit handeln, bei der man sich während der Infektionsphase gesund genug fühlen würde, um in ein Flugzeug zu steigen, oder auf einen Markt zu gehen. Verschwörungstheoretiker*innen nehmen diese Aussage nun zum Anlass, Gates und der global tätigen Bill & Melinda Gates Foundation anzudichten, das Virus geschaffen zu haben und nun von dessen Bekämpfung zu profitieren. Bis hin zur Etablierung eines Kastensystems anhand digitaler IDs, die mit dem Vorwand von Infektions-Tracing gefertigt werden, reichten diese.
Was Bill Gates vielen anderen voraus hatte, was unter den ganzen Verschwörungstheorien nicht verstanden wird, ist, dass er auf Expert*innen hörte. Expert*innen, die bereits seit vielen Jahren auf die Gefahr eines Virus, das die Atemwege infiziert und tödliche Konsequenzen haben könnte, hinweisen. 

Wie prophetisch Gates Aussagen nun gedeutet werden, zeigt jedoch auch, wie unterschiedlich Gefahren eingeschätzt werden. Gates betont nämlich noch einen anderen Punkt. Während Länder für die Gefahr des Kriegs ständig proben, sei es das US-Militär in aufwendig inszenierten Kriegs-Szenario-Übungen, die NATO oder die Bundeswehr – Krieg als mögliche Zukunft wird ernst genommen. Pandemien jedoch nicht, obwohl diese mit ziemlicher Sicherheit auch in Zukunft eintreten und möglicherweise gefährlicher als Covid-19 sein werden. Gates spricht daher von der „Pandemie I“, in Anlehnung an den ersten Weltkrieg. Dieses globale Unvermögen, mit diffusen Gefahren umzugehen, wird auch an anderen Stellen deutlich, wie beispielsweise beim Klimawandel. Die Gefahren, die sich der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten stellen, sind nicht mit den Mitteln zu bekämpfen, die uns für Jahrtausende ausreichten. 

Krieg ist stets die Bekämpfung der Gegenwart. Ein Feind, ein Übel, ein Genozid, eine unliebsame Bevölkerungsgruppe wird identifiziert und bekämpft. Globale Krisen wie Pandemien oder die Klimakrise sind jedoch kein Kampf gegen die Gegenwart, sondern gegen die Zukunft. Die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise zeigen sich in wohlhabenden Ländern erst allmählich. Wenn der Ausbruch einer Pandemie durch gute Vorbereitung verhindert wird, kann kein Finger auf ein Übel gelegt werden, das eine Schneise der Verwüstung hinterließ und dann heroisch niedergeschlagen wurde. Bei der Bekämpfung von modernen Krisen handelt es sich um Prävention statt Intervention. Doch in der Prävention, wie das Sprichwort besagt, liegt kein Ruhm. Diese grundlegende Vorstellungskraft, Ressourcen in die Voraussicht zu legen, fehlt uns noch. Auch leuchtet dies ein Licht auf die Verschwörungstheorien, die sich nun ranken. Es ist ebenfalls die Suche nach einem Feind in der Gegenwart, der benennbar und bekämpfbar ist.

:Stefan Moll

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