Literaturaktivist Uri Bülbül (u. a. Schreibhaus Bochum e. V.) über Uli Schröders „Ruhrpiranhas“
Die Apokalypse lacht über die Metropole
Illustration: Michael Holtschulte
Ruhrpiranhas: Untergang eines Ministerklons. Illustration: Michael Holtschulte
Ruhrpiranhas: Untergang eines Ministerklons.

(Uri Bülbül) Uli Schröder ist nicht nur :bsz-Redakteur, sondern gehört schon seit fast zwei Jahrzehnten zu den agilsten, aktivsten und engagiertesten Menschen der Bochumer Literatur- und alternativen Politikszene. Nicht nur beteiligte er sich mit großer Leidenschaft an politischen Protestaktionen, er ist auch ein Teil studentischer Literaturkultur als Organisator, Performer und Autor u.a. in der Literaturgruppe „Treibgut“. Publikationen wie die Anthologien „Aufbruchstellen“ (2006) oder „Geld schreibt“ (2009) gehen auf seine entscheidenden Impulse als Mitherausgeber zurück. Mit dem Literaturverein Schreibhaus engagierte er sich im Sommer 2005 im Katakomben-Theater Essen, und unter seiner Mitwirkung entstand 2005 auch die Anthologie „Feuer im Foyer – Literarische Annäherungsversuche an ein Theater“. 2010 fuhr er im Rahmen der von der Mercator-Stiftung geföderten Kulturhauptstadt-Initiative MELEZ (Türkisch für Hybrid, Mischling) im Melez-Zug mit und las im Literaturwaggon am selben Tisch mit dem renommierten kurdischen Autor Murat Uyurkulak. Kurz: Wer die Geschichte alternativer Literatur in Bochum recherchieren möchte, wird um Uli Schröder nicht herumkommen.

Sein Buchdebüt trägt den Untertitel „Metropolensatire“ und der von Michael Holtschulte gestaltete Buchumschlag erinnert stark an die Ästhetik von Werner Brösel oder Seyfried, an erfolgreiche Chaosliteratur früherer Tage mit einem Touch Nostalgie. Der Untertitel selbst lässt die Frage offen, ob der Autor die Realsatire der Ruhri-Großkotzigkeit ernst oder auf die Schippe nimmt. Das Herz der Industrienation, die sich zu einer Informationsgesellschaft umgewandelt hat, sucht sich selbst eine Identität zu geben, versucht es dabei mit Kultur, quatscht sich zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 hoch und macht aus einem Ballungsgebiet eine Metropole. Früher ging die Metamorphose im Blendwerk von X zu U – heute wird aus einer Dortmunder Brauerei für viele Millionen ein gleichnamiger potemkinscher Kulturbetontempel kreiert.

Gegen den Strom

„Ruhrpiranhas“ aber lässt hoffen, dass im Unverhofften oft ein echtes Überraschungsmoment liegt. Gibt es eine Faszination der faktischen Macht, der jede/-r Subversive erliegen kann? Ist es die Sehnsucht nach Erfolg? Nach Anerkennung? Ist es die Verbundenheit an eine Tradition? Uli Schröder widmet sein Buch seinem Vater, statt ein Buch über seinen Vater zu schreiben. Er hält sich an Konventionen des universitären Publizierens, wenn die Inhaltsseite schon Liebeserklärungen an Konventionen wie „Geleitwort“, „Vorwort“, „Dank“ und „Orthographische Vorbemerkungen“ preisgibt. Warum sind die „Ruhrpiranhas“ nicht allen Fischen gewidmet, die gegen den Strom schwimmen?

Widerstand braucht Solidarität

Die Antwort ist einfach: Weil Uli Schröder es sich niemals einfach macht! Jeder Text ist ein Zeugnis großen Ringens, nicht Ringens nach Worten – das hat der wortverspielte und wortgewandte Autor nicht nötig. Es ist ein Ringen mit der Faktizität des Realen und der Wut darüber, dass die Fakten leider meist von SchwachmatInnen geschaffen werden. Opportun, bauernschlau und auf den kurzfristigsten eigenen Vorteil bedacht, werden in der Realität wirtschaftlich, politisch, sozial, wissenschaftlich und technologisch Fakten geschaffen – eine Welt des Pfuschs und Flickwerks. Die Satiren, die im Bauch der Ruhrpiranhas auf die Leserinnen und Leser warten, sind nicht aus der professionellen Routine eines Satirikers geschrieben, sondern mit dem Herzen eines Menschen, der mit allen Mitteln und Konsequenzen Widerstand liebt und lebt und dialektisch dazu auch die Anerkennung sucht, weil Widerstand Solidarität braucht und Verständnis voraussetzt. Niemand, der schreibt, möchte unverstanden bleiben, könnte man meinen, aber so sicher ist das nicht. Schönschwätzerei will eher imponieren als Verständnis erwecken. Sicher aber ist, dass die „Ruhrpiranhas“ auf Verständnis setzen und aufgebaut sind: Niemand, der einen Witz erzählt, möchte nach der Pointe Totenstille in der Runde.

Karikatur des Untergangs

Aber auch da macht es Uli Schröder nicht einfach – sich selbst nicht und seinem Lesepublikum auch nicht. Der Witz in der ersten Erzählung des Bandes beispielsweise ist voller Esprit, voller sehr geistreicher Anspielungen. Die Pointe aber ein schlichter, unspektakulärer Untergang des letzten Menschen, eines Marschierers durch die Institutionen auf dem Weg zu sich selbst; dessen Erfolg ist der Niedergang der Menschheit. Selbst auf dem Einbaum gibt er noch den Takt vor. Ja, aber kann ich darüber lachen?
Die Ruhrpiranha-Welten sind marode, morbid, absurd und überzeichnet. Doch sind sie es wiederum nicht. Sie sind zum Greifen nah und realistisch und voller Details mit Lokalkolorit. Die Überzeichnung ist eine science-fiktionale Karikatur unserer Realität, unserer Handlungen und Entscheidungen. Das macht das Lachen überhaupt erst möglich, aber zugleich unmöglich – so etwa in der Halsgegend.
Wer mehr sucht als komödiantische Blödelliteratur, ist bei den Ruhrpiranhas goldrichtig. Ein sehr empfehlenswertes Buch über die Region, ihre Politik und das Menschliche.

Ulrich Schröder:
„RUHRPIRANHAS – Metropolensatire“
Pro BUSINESS digital printing
Berlin 2013
180 Seiten, 9,90 Euro
Erhältlich bei: Buchhandlung Napp,
Pieperstr. 12 (Nähe Schauspielhaus), Bochum

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