:bsz-Kommentar
Deutsche KindersoldatInnen
Illustration: mar
Die Grundausstattung eines Soldaten / einer Soldatin: Eins von beidem ist aber erst ab 18 erlaubt. Illustration: mar
Die Grundausstattung eines Soldaten / einer Soldatin: Eins von beidem ist aber erst ab 18 erlaubt.

Es ist unfassbar: Um den Bedarf an RekrutInnen zu decken, wirbt die Bundeswehr unter anderem auf sogenannten Berufsbildungsmessen (die :bsz berichtete), aber auch in Schulen verstärkt 16- und 17-jährige Jungen und Mädchen an. In einer Stellungnahme des Verteidigungsministeriums heißt es lakonisch, dass die Entscheidung über den Berufswunsch nicht erst am 18. Geburtstag falle und „personalwerbliche Maßnahmen auch auf den Personenkreis der Jugendlichen abgestimmt“ seien.

Damit bereitet sich die Truppe hinsichtlich ihrer ethischen Standards offensichtlich schon jetzt zielstrebig darauf vor, ihren zuletzt auf der am Sonntag zuende gegangenen Münchner Sicherheitskonferenz formulierten Anspruch einzulösen, sich künftig verstärkt in Afrika militärisch engagieren zu wollen: Mit ihrer seit drei Jahren üblichen Praxis, Minderjährige zu rekrutieren, nähert sich die Bundeswehr zielstrebig südsudanesischen Zuständen – auch dort ist die Zahl der Kindersoldaten in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen.

Doppelmoral

Indessen warf Linken-Politikerin Katrin Kunert, Mitglied des Verteidigungsausschusses des Bundestages, der Regierung „Doppelmoral“ vor. Das Regierungshandeln konterkariere die weltweiten Bemühungen, eine Rekrutierung von KindersoldatInnen zu verhindern. Bereits 2008 habe der UN-Ausschuss für die Rechte der Kinder die Bundesregierung angemahnt, das Mindestrekrutierungsalter auf 18 Jahre anzuheben, so Kunert. Vor diesem Hintergrund klingt es geradezu zynisch, wenn es das Verteidigungsministerium als „keine kritikwürdige Praxis“ bezeichnet, Minderjährige zum Dienst an der Waffe zu rekrutieren – schließlich lebe man ja in einer Gesellschaft, die von der frühen Mündigkeit der Jugend überzeugt sei.

Familienfreundliche Kindertruppe?

Geradezu grotesk erscheint die Verjüngung der Truppe angesichts der Ankündigung von Bundesverteidigungsministerin von der Leyen, die Bundeswehr „familienfreundlicher“ gestalten zu wollen: „Wir wollen die besten jungen Frauen und Männer der jeweiligen Jahrgänge gewinnen“, verkündete die ehemalige Familienministerin laut Hamburger Abendblatt nach einem Besuch eines Karrierecenters in Hannover. „Wie in allen anderen Ausbildungsberufen auch können junge Menschen ab 17 bei uns anfangen“, so von der Leyen weiter. Allgemeine Standards des Arbeits- und Jugendschutzes sowie die Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen fänden hierbei Berücksichtigung. Es klingt beinahe schon wie ein Hilferuf, wenn Linken-Politikerin Kunert kontert: „Der beste Schutz für Familien wäre, Minderjährige nicht mehr für militärische Zwecke zu rekrutieren.“ Von der Leyen versucht derweil, den Schleier der Normalität über die jugendgefährdende Rekrutierungspraxis zu legen – Azubis nähmen schließlich nicht an Kriegshandlungen teil. Wie es jedoch sein kann, dass die Verteidigungsministerin eines auf internationalem Parkett stets seine große historische Verantwortung betonenden Landes nicht einmal im Bereich des Jugendschutzes minimale moralische Maßstäbe wahrt, bleibt ein Rätsel. Hier tun sich Abgründe auf und Assoziationen wie die Verteidigung Berlins durch das letzte Aufgebot 15-jähriger Kindersoldaten 1945 liegen nicht fern. Armes Deutschland.