Strukturwandel anderswo: In Südwales ist es wie bei uns, nur ganz anders
Der walisische Ruhrpott
Foto: Jennifer Zimni
Schicht im Schacht: Die Zeche Big Pit in Blaenavon ist heute ein Museum. Foto: Jennifer Zimni
Schicht im Schacht: Die Zeche Big Pit in Blaenavon ist heute ein Museum.

Kommt Euch das nicht bekannt vor? Die Geschichte und Wirtschaft der gesamten Region ist geprägt von Kohle und Stahl. Nach dem Niedergang dieser Wirtschaftszweige tun sich die Städte schwer damit, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und orientieren sich verstärkt in Richtung Kultur und versuchen, neue Wirtschaftszweige anzusiedeln. Die Rede ist natürlich von… Südwales!

Heute ist in den Hügeln und Tälern zwischen Caerphilly und Kidwelly kaum noch etwas von den Stahlwerken und den 160 Zechen, die es hier mal gegeben hat, zu sehen. Sanft erheben sich die graugrünen Hügelzüge in der Landschaft. Schafe grasen, ab und zu ist ein Wald oder ein kleines Dorf zu sehen. Die größeren Städte wie Swansea, Newport oder die walisische Hauptstadt Cardiff, die früher als Hafenstädte massiv von den Kohleexporten profitiert haben, präsentieren ein modernes, dienstleistungsorientiertes Gesicht. Im Hafen von Swansea, auf walisisch Abertawe (Wales ist offiziell zweisprachig), sind die Frachtschiffe den Jachten und Jollen gewichen. In Cardiff steht seit 2006 die Senedd, das Gebäude der walisischen Nationalversammlung am Hafen, unweit einer Musical-Halle und (natürlich) einem Einkaufszentrum. Unterhaltung und Konsum statt Maloche – der Port von Cardiff erinnert verdächtig an Oberhausens neue Mitte um das CentrO herum; das Parlament fügt sich hier zumindest optisch gut ein.

7,8 Prozent der Erwerbsfähigen in Swansea haben keine Arbeit. Das ist nur leicht über dem walisischen Durchschnitt (7,1 Prozent) und nur einen Prozentpunkt über dem Gesamtschnitt des Vereinigten Königreichs. Mehr als jeder dritte Arbeitsplatz hier liegt im Dienstleistungssektor. Klingt nach einem gelungenen Strukturwandel, oder?

Bis auf Leere ist nichts mehr da

Die großen Städte mögen es mit Ach und Krach geschafft haben, die Zechenschließungen in den 1980er Jahren, die von heftigen Protesten begleitet wurden, zu kompensieren. Doch auf dem Land, da wo die Zechen tatsächlich gestanden haben, sieht es anders aus.

Die Arbeitslosenquote in Blaenavon nördlich von Pontypool liegt bei nur 4,5 Prozent. Allerdings ist die Bevölkerungszahl von 25.000 um 1900 auf nur noch 6.000 Menschen gesunken. Und von diesen sind 70 Prozent über 60 Jahre alt. Es ist einfach niemand mehr da, der arbeitslos sein könnte.

Bis auf Leere ist nicht mehr viel vom industriellen Erbe da. In ganz Südwales stehen nur noch neun Fördertürme. Einer davon gehört zur Zeche Big Pit, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes in Blaenavon ist. In Swansea gibt es alte Industriegelände, die man bei Regen besser nicht betritt, weil es dann einfach zu matschig und glitschig ist. Da sind wir im Ruhrgebiet mit dem Erhalt von Industriekultur – man denke an die Zechen Zollern, Zollverein oder Hannover – schon weiter. Oder verklärter.

:Marek Firlej

Autor(in):