„Computer Grrrls“ vom Hartware MedienKunstVerein
Der verdrängte Gender-Trouble in der Informatik
Bild: Lu Yang, „Delusional Mandala“, 2015
Der PC als feministische Folie: In der Ausstellung „Computer Grrrls“ treffen Geschlechterfragen auf Algorithmen. Bild: Lu Yang, „Delusional Mandala“, 2015
Der PC als feministische Folie: In der Ausstellung „Computer Grrrls“ treffen Geschlechterfragen auf Algorithmen.

Kunst. In der Ausstellung „Computer Grrrls“ reflektieren 20 internationale Künstler*innen über das Verhältnis von Geschlecht und Technologie. Die Kuratorinnen rücken im U-Turm zudem die historische Rolle von weiblichen Rechenkräften ins Gedächtnis.

Papier stapelt sich zu einem Turm, der Margaret Hamilton vom Fuß bis zum Kopf reicht. Die Informatikerin und Mathematikerin steht neben einem ausgedruckten Computer-Code, der nicht weniger ausmacht als die Berechnung für die Mondfahrt der NASA. 1965 war das, als Hamilton das Ergebnis mit einem stolzen Lachen in die Kamera präsentierte. Berechnungen waren noch in den 60er-Jahren eine Aufgabe der Frauen. Erst als sich der Begriff der Informatik etablierte und Mitte der 80er die ersten PCs auf den Markt geworfen wurden, entwickelten sich die Algorithmen zu einer männlichen Domäne.
Das ist einer der Stränge, die der Hartware MedienKunstVerein mit der Ausstellung „Computer Grrrls“ eröffnet. Ausgangspunkt ist das komplexe Verhältnis zwischen Frauen und Technologie. Vor allem während des Zweiten Weltkriegs explodierte die Nachfrage nach weiblichen Rechenkräften. Doch los geht es bereits im 18. Jahrhundert, wie eine große Timeline illustriert: Dort macht die französische Mathematikerin Nicole Reine Lepaute, die aufgrund ihrer Errungenschaften in der Mathematik als „gelehrte Rechnerin“ galt, den Anfang. Bis ins 21. Jahrhundert reihen sich auf der Zeittafel weitere Ahnen ein: Schreibmaschinistinnen und Datenverarbeiterinnen.  Und vor allem: Telegraph Girls, Keypunch Girls, Blechtley Girls, Eniac Girls. Nicht umsonst haben die Kuratorinnen Inke Arns vom HMKV und Marie Lechner des Gaîté Lyrique in Paris auf die Schreibweise mit den drei „rrr“ gesetzt – in Anlehnung an das Manifest der „Riot Grrrls“ aus den 90ern. Eine Auswahl technofeministischer Manifeste wurde auch für die Besucher*innen zusammengestellt.

Chauvinistische Künstliche Inteligenz

In Installationen oder Videos tasten sich 20 internationale Künstler*innen (der einzige männliche Beitrag stammt vom Partner einer Künstlerin) an die Verschlungenheit von Geschlecht und Technologie heran.
Jennifer Chan dokumentiert etwa mit ihrem Video „A total Jizzfest“ die männliche Wachablösung in der Informatik nach dem Silicon-Valley-Aufbruch. Porträts von Bill Gates, Mark Zuckerberg, Steve Jobs oder Larry Page huschen mit einem Grinsen über den Monitor. Musik-Titel wie „Boys of Paradise“ von Unicorn Kid kontrastieren das und erwecken den bösen Eindruck einer schönen neuen Medienwelt, die sich als Männerwelt entpuppt.  
Patriarchalische Verhaltensmuster führen auch Zach Blas und Jemina Wyman vor Augen. Ihre vier-Kanal-Videoinstallation „I‘m here to learn so :)))))“ greift auf einen Chatbot zurück, den Microsoft 2016 via Twitter in Umlauf brachte. Tay, so der Name des textbasierten Dialogsystems, sollte mit Usern der sogenannten „Jahrtausender“-Generation kommunizieren und dadurch Wissen akkumulieren. Doch Trolle fluteten das System mit rassistischen und sexistischen Inhalten. Und Tay ahmte nach. Bis aus ihr ein Reaktionär aus künstlicher Intelligenz wurde, der chauvinistische Allüren oder einen Schwur auf Hitler von sich gibt.       

:Benjamin Trilling