Heavy Metal im Ruhrgebiet: Großes Erbe, viel Hoffnung, haufenweise Konzerte
Der Stahl kocht noch immer im Pott
Foto: Rock Genuine Magazin / Jan Heesch
„Schön, wieder zu Hause spielen zu dürfen!“ Rage-Basser Peavy Wagner steht auf das Ruhrgebiet.  Foto: Rock Genuine Magazin / Jan Heesch
„Schön, wieder zu Hause spielen zu dürfen!“ Rage-Basser Peavy Wagner steht auf das Ruhrgebiet.

Seit Jahrzehnten gilt das Ruhrgebiet als das Zentrum des deutschen Heavy Metal. Am vergangenen Wochenende fühlte sich der gebürtige Herner Peavy Wagner, Frontmann von Rage, in der Oberhausener Turbinenhalle „endlich wieder zu Hause“. Zwischen Dortmund und Duisburg sind LiebhaberInnen der harten Stromgitarrenmusik so gut aufgestellt wie sonst kaum irgendwo in der Republik.

In den 80er Jahren erlebte der Thrash Metal seinen rasanten Aufstieg. Das hat nix mit Müll zu tun, sondern mit dreschen: Aggressiv wie Hulk auf Koffein prügeln sich die Gelsenkirchener Sodom um Tom Angelripper und die Essener Kreator seit mehr als 30 Jahren durch die Welt.

Fast genauso lange, dafür aber melodischer, beschallen die erwähnten Power-Metaller von Rage aus Herne die Säle und Open Airs der Welt mit ihren gradlinigen Songs, bisweilen von einem Orchester unterstützt. Noch melodischer geht es bei Axel Rudi Pell zu. Der Bochumer hat einen deutlichen Hang zu Balladen und Midtempo-Stücken.

Weitere bekannte Bands sind zum Beispiel Grave Digger (Power Metal aus Gladbeck), Axxis (Hardrock aus Dortmund), Caliban (Metalcore aus Essen) oder die erst 2010 gegründeten abgedrehten Lärmmeister Eskimo Callboy aus Castrop-Rauxel.

An Nachwuchs mangelt es nicht

Ob experimentelle Untergrundbands, die (noch) niemand kennt, oder HoffnungsträgerInnen der Szene mit frischem Plattenvertrag, irgendeine Combo findet sich in jeder Ruhrgebietsstadt.

Layment, sonst überzeugende Power Metaller, sind am 13. Februar mit einem Akustik-Set in den Herner Flottmannhallen zu bewundern.

Mit ihrem Debütalbum haben Hallig Black-Metal-Fans direkt überzeugt. Im Pott spielen sie wieder im März beim „Odyssey to Blasphemy“-Festival in Oberhausen.

Nicht unerwähnt bleiben sollten auch Dead Memory (Heavy Rock aus Essen) und Teutonic Slaughter (Thrash Metal aus Gladbeck).

Helloween, Rage und Cirmes of Passion in Oberhausen – Konzertbericht

Die Turbinenhalle, oft genutzter, aber bei Fans ob seiner Akustik berüchtigter Konzertsaal. Am 6. Februar 2016 Austragungsort eines Powerabends: Die Hamburger Heavy-Helden Helloween luden gemeinsam mit Rage und den Briten Crimes of Passion zur Headbangparty im urbanen Industrieambiente. „Wenn nur der Sound mitmacht …“, war meine Befürchtung. Schließlich ging es, wie gesagt, in die Turbinenhalle.

Doch bereits die erste Band des Abends, Crimes of Passion, konnten vor einer gut gefüllten Halle mit solidem Sound überzeugen. Die Stärken der Band, eingängige Riffs und die melodisch-raue Stimme des Sängers, waren herauszuhören – und haben dem Publikum gefallen. Viel Licht und Leben auf der Bühne taten ihr Übriges, auf die beiden Headliner einzustimmen. Ausgelassenheit, Vorfreude, Bierseligkeit im Saal. Wie es sich für ein Power-Metal-Konzert gehört!

Riffs, Riffs, Riffs!

Und wie es sich für Rage gehört, wurde musikalisch Vollgas gegeben. Riffs, Riffs, Riffs. Dazu die einzigartige Stimme von Basser und Frontmann Peavy Wagner. In den tiefen Lagen der Schallwelle gewordene Motorradrocker, in den hohen voller melodischem Charisma. Trotz seines stimmlichen Könnens dürfte natürlich auch das Publikum mal ran: "Higher than the Sky" ist einfach der Mitsinghit, der nach jedem Rage-Konzert für eine Woche Ohrwurm sorgt.

Und als würde eine sichtlich gut gelaunte Band mit einem Leader, der sich freut, mal wieder im heimischen Pott spielen zu können, und ein Set, das vom Klassiker über selten gespielte Raritäten bis hin zu Stücken vom kommenden Album (Die EP „My Way”, dessen Titeltrack die Band zum Besten gegeben hat, erschien im Januar, ein neues Album kommt noch dieses Jahr), nicht ausreichen, um den Abend zu einem zünftigen zu machen, gab es auch noch ein "Hold Rover"-Cover-Intermezzo, bei dem der ansonsten stumme Gitarrist Marcos Rodriguez auch zeigen durfte, was seine Stimmwerkezuege zu leisten imstande sind.

Und der Sound, mein Sorgenkind? Die erste Minute vom ersten Song, hatte ich den Gedanken: „Na toll, war ja klar.“ Doch der Techniker machte einen richtig guten Job. Noch im ersten Refrain waren alle Instrumente klar erkennbar, die Riffs sauber, der Bass groovend, die Drums kraftvoll und nicht zu laut.

Halloweenkürbis, Humor und fragwürdige Hemden

Die nächste Band klang ebenfalls sauber, wenn auch nicht ganz so schön ausbalanciert. Dabei gehört das mehrstimmige Zusammenspiel der zwei singenden E-Gitarren zu den Heldentaten von Helloween. Bewegen sich die Hamburger besonders bei den Refrains bisweilen im Bereich Schlagermetal – simpel, eingängig, gutgelaunt – kann man den Stromklampfern Michael „Weiki“ Weikath, Sascha Gerstner und auch Basser Markus Großkopf mangelnde Virtuosität keineswegs vorwerfen.

Sänger Andi Deris weiß die ZuschauerInnen zu motivieren und zu unterhalten und beweist dabei mehr Geschick als bei der Auswahl seiner Hemden (wenngleich meine weibliche Begleitung die Kleidung als „individuell“ lobte). Mit Dauergrinsen und einer guten Portion Humor (für die die Band ja auch bekannt ist) sammelte er reichlich Sympathipunkte für seine Truppe. Insgesamt beherrschen Helloween die guten alten Rocker-Tugenden geile Soli (und Duette!) und ganz viel Gepose. Auch die Tradition des mehrere Minuten langen Schlagzeugsolos wird in dieser Band noch gepflegt.

Kein Wunder, Helloween sind eben alte Hasen; seit 1984 prägen sie Stil und Sound des Power Metal. Dass alte Hasen noch lange nicht altes Eisen bedeutet, haben sie an diesem Abend auf jeden Fall bewiesen. 30 Jahre Bühnenerfahrung machen sich nun einmal bemerkbar: Eine insgesamt hammerstarke Vorstellung vor einer Kulisse aus Freiheitsstatue in Kürbisgestalt, mit hochmotivierten und charismatischen Darstellern.

:Marek Firlej

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