Fremde Bestattungsrituale: Eine Reisebericht über Indien
In der Stadt der brennenden Toten
Fotos: Kai Bernhardt
Smoke on the water: Leichenverbrennungen sind im indischen Varanasi tatsächlich Alltag.  Fotos: Kai Bernhardt
Smoke on the water: Leichenverbrennungen sind im indischen Varanasi tatsächlich Alltag.

Varanasi, Februar 2015. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr brennen in der angeblich ältesten Stadt der Welt Feuer am Ufer des Ganges. Davor sitzen Einheimische und Touristen. Sie starren gemeinsam in die Flammen.
Die Situation hat, wenn man sich auf sie einlässt, etwas Meditatives, Beruhigendes. Fast könnte man die Atmosphäre mit der an einem Lagerfeuer vergleichen, außer dass hier neben Holzscheiten auch Leichen brennen.

Auf meiner vierwöchigen Reise durch Indien war ich ein Wochenende in Varanasi. Durch Filme und Bücher wusste ich, was mich in der heiligsten Stadt der Hindus erwartet. Nach der ersten Nacht im Hostel ziehen meine Freunde und ich los, um die Stadt mit ihren zahlreichen Tempeln und Pilgerstätten zu erkunden.

Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich auf die mir  fremden, öffentlichen Bestattungsrituale reagieren werde. Was mache ich, wenn ich durch den Geruch und Anblick würgen muss? Würde ich überhaupt hinschauen können?

Situation ist beinahe selbstverständlich

Ich kann hinschauen und die Luft um die Scheiterhaufen ist nicht anders als in den übrigen Teilen der Stadt. Irgendwie ist die Situation völlig selbstverständlich. Scheinbar stört es niemanden, dass wir da sind. Nach wenigen Minuten spricht uns ein Mann an, der kurz zuvor Holz zu der Verbrennungsstätte brachte. Er erzählt stolz, dass in seiner Familie seit neun Generationen die Männer für die Leichenverbrennung in der Stadt zuständig sind. Außerdem erklärt er uns viel zu den Bestattungsritualen. So erfahren wir unter anderem, dass jede Leiche ihren eigenen Scheiterhaufen hat und die Leichen vorher im Ganges gewaschen und mit Ölen eingerieben werden.

Letzteres erklärt wahrscheinlich, warum ich die Gerüche nicht als extrem unangenehm empfinde. Uns wird auch beschrieben, dass die Verbrennungen die Seelen der Verstorbenen reinigen sollen. So werden Menschen mit reiner Seele, wie etwa Kinder, schwangere Frauen und Sadhus („heilige“ Männer) nicht verbrannt. Ihre Leichen werden in die Mitte des Flusses gefahren und dort versenkt. Auf einer Bootstour sehen wir tatsächlich eine weiße aufgequollene Wasserleiche, die neben einem Kuhkadaver auf der Oberfläche schwimmt.

Kulturschock? Nicht wirklich

Wenn ich Freunden aus Deutschland von meinen Erlebnissen berichte, kommt häufig die Frage: „War das nicht voll der Kulturschock?“ Nein. Während meines kurzen Aufenthalts in Varanasi war ich von all den Eindrücken nicht schockiert. Der Tod und der Umgang mit den Verstorbenen wirkten auf mich sehr natürlich. Sterben ist in Varanasi nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Dem Glauben nach heißt es, dass Menschen, die in Varanasi sterben und bestattet werden, aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt befreit werden. Vielleicht ist genau deshalb die Stimmung während der Bestattung entgegen aller Erwartung nicht von starker Trauer geprägt.

:Gastautor Kai Bernhardt

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