Ruhr-Pop von 1956 bis heute: Sonderausstellung im Ruhr-Museum auf Zollverein
Der Pott rockt
Foto: Rachma Ayu Kasselmann
Pop-Art für Pott-Pop: Der farbenfrohe Rundgang auf Zollverein glänzt durch optische und akustische Installationen. Foto: Rachma Ayu Kasselmann
Pop-Art für Pott-Pop: Der farbenfrohe Rundgang auf Zollverein glänzt durch optische und akustische Installationen.

Die Sonderausstellung Rock und Pop im Pott im Ruhrmuseum auf Zollverein in Essen zeigt die historische popkulturelle Entwicklung auf dem Musiksektor im Ruhrgebiet von 1956 bis heute.

Als ich 2013 das erste Mal ins Ruhrgebiet kam, hielt ich Tic Tac Toe für eine UK-Girlgroup und kannte mich in Sachen Deutschpop auch sonst generell wenig aus. Ich war in Dortmund auf einer Party eingeladen. Alles verlief gesittet und langweilig, bis der Typ an der Musikmaschine einen Song anspielte, der mit den Worten begann: „Tief im Westeeeeen“ – den Rest kriegte ich nicht mehr mit, weil die anwesende Partyfraktion plötzlich wie auf Stichwort komplett ausflippte und den Song mitschmetterte wie die Nationalhymne; es konnten zwar nicht alle singen, aber es war plötzlich eine tolle Stimmung, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Herbert Grönemeyer hat 1984 damit nicht nur der titelgebenden Stadt Bochum, sondern dem ganzen Ruhrgebiet eine inoffizielle Hymne geschrieben, die beim Hören Gänsehaut macht. Dass Grönemeyer dadurch in ganz Deutschland bekannt wurde, bedeutet natürlich auch umgekehrt, dass man außerhalb des Ruhrgebiets beim Thema Pottrock in erster Linie an Herbie und Songs wie Bochum, Männer und Mensch denkt. Das wird der tatsächlichen Vielfalt von sechzig Jahren Rock- und Popgeschichte, die im Ruhrgebiet ihre Spuren hinterlassen haben, natürlich nicht gerecht. Hier sind tausende von Bands entstanden, von denen manche heute noch existieren und einige davon erfolgreich wurden sowie zu internationalem Ruhm gelangten, während anderen dieser Erfolg nicht beschieden war. Was sie alle gemeinsam haben ist, dass sie Teil der Kulturgeschichte des Ruhrgebiets geworden sind. Diesen Teil will die Ausstellung Rock und Pop im Pott für den Besucher sichtbar machen und hat dafür über tausend Ausstellungsstücke zusammengetragen.

Zu Beginn der Ausstellung begrüßen den Besucher auf menschengroßen Stelen die Stars der Ruhrgebiets-Musikszene und weisen den Weg zum zentralen Soundraum, wo mit einer eigens für die Ausstellung entwickelten multimedialen Einspielung die vitale und facettenreiche Musikszene des Ruhrpotts audiovisuell erlebbar gemacht wird. Denn eine Ausstellung über Rock und Pop im Ruhrgebiet kann ja schlecht das flüchtige Phänomen Musik in die Vitrine legen, sondern nur deren Verdinglichung und Begleiterscheinungen in Form von Gegenständen und Musikinstrumenten aus der Musikwelt und ihrer Geschichte. Doch im Soundraum nimmt der Hit-Mix den Besucher mit auf eine Zeitreise durch die Musikszene Ruhr seit den 1980er Jahren. Es gibt ein Wiederhören mit den Hits der Neuen Deutschen Welle, mit Nena, Extrabreit, Geier Sturzflug, Die Kassierer und natürlich auch Herbert Grönemeyer. Der audiovisuelle Parcours durch Zeiten und Stile mixt Hip Hop, trifft House, Deutschrock, NDW – trifft Welthit. Damit ist der Soundraum der emotionale Kern der Ausstellung, der Hit-Mix trifft den Zuhörer mitten ins Herz. Großartig!

Draußen geht es weiter mit Futter für das Hirn: Der chronologische Rundgang im Hauptausstellungsraum kann von den BesucherInnen je nach individuellem Interesse durch Schlenker in die 14 flankierenden Seitenkabinette gestaltet werden, in denen Einzelthemen wie Musik und Mode behandelt werden oder wo man zu Musik tanzen und sich selbst dabei zusehen kann (Tanzraum). Am größten ist das Kabinett mit dem Titel Gruppenbild, das mit mehr als 700 Covern von Schallplatten, CD’s und Kompaktkassetten der Bands des Ruhrgebiets aus sieben Jahrzehnten eindrucksvoll deutlich macht, dass das Ruhrgebiet seit den 1950er Jahren Heimat und Tummelplatz einer unglaublich vielfältigen und lebendigen Musiker- und Bandszene ist. Andere Kabinette wie jenes, das Musikmode thematisiert, sind eher allgemein gehalten und wenig mit dem Ruhrpott verknüpft.

Der chronologische Rundgang widmet sich nach den Anfängen des Rock und Pop im Pott den wichtigen Veranstaltungsformaten, die hier kreiert wurden und Strahlkraft über das Ruhrgebiet hinaus entfalteten, wie beispielsweise die internationalen Essener Songtage, das internationale Essener Pop- und Bluesfestival, die Rockpalast Nacht, Loveparade und Bochum Total. Die erste Rock-Platte aus dem Ruhrgebiet brachten 1960 die Elras Brothers unter dem Titel Baby Rock heraus.

Da Rock- und Popmusik generell eine relativ laute Veranstaltung ist, sind jene Orte ebenfalls bemerkenswert, an denen Szenetreffs und Konzerthallen entstanden: Rock- und Popmusiker entdeckten als erste die neuen Brachen des Ruhrgebiets für ihre Zwecke, um Krach machen zu können, ohne dass Nachbar Kokoschinski gleich wegen Ruhrstörung die Polizei rufen musste. Die Orte – vor allem Szenetreffs und Konzerthallen – des Rock und Pop im Pott lesen sich wie das Adressverzeichnis der alternativen Kultur im Ruhrgebiet.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt der Ausstellung ist popmusikalischen Stilrichtungen wie Punk, Heavy Metal, Techno und Hip Hop sowie ihrer Entwicklung im Pott gewidmet. Das Kapitel Musik-Industriegebiet beschäftigt sich mit der Produktion und Vermarktung; Kommerzialisierung und Merchandising werden ebenfalls thematisiert. Ruhr-Pop wird als Erfolgsrezept beschrieben – dafür stehen Extrabreit (Hagen), Nena (Hagen), Herbert Grönemeyer (Bochum) und die Dortmunder (!) Girlgroup Tic Tac Toe.

Und wo ich schon mal dabei bin: Was ich als indonesische Ruhrpott-Neubürgerin vorher auch nicht wusste, ist, dass die größten Idole der ersten Beatbands im Pott die niederländisch-indonesische Band The Tielman Brothers waren, die 1963 im Saalbau Castrop-Rauxel zum ersten Mal im Ruhrgebiet spielten und von denen die Autorin Vera Konrad im Katalog zur Ausstellung schreibt: „Was sie boten, war eine professionelle Mischung aus absolutem technischem Beherrschen der Instrumente und einer bis hin zur Akrobatik gehenden Bühnenshow. Die Gitarren wurden nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Füßen und Zähnen gespielt.“ Damit ich mir das auch anschauen kann, ist neben dem Objektkasten zum Thema eine Medieneinheit platziert, in der ein Originalfilm aus der Zeit die Tielman Brothers beim Konzert für mich lebendig macht. Solche Medieneinheiten finden sich zu jedem Thema der Ausstellung.

Rock und Pop im Pott ist eine interessante und abwechslungsreiche Ausstellung, in der die verschiedenen Facetten der vielfältigen zeitgenössischen Populärmusik im Ruhrgebiet in ihrer geschichtlichen Entwicklung seit den 50er Jahren bis heute sehr anschaulich erfahrbar und audiovisuell erlebbar werden.

Rock und Pop im Pott. Sonderausstellung im Ruhrmuseum.

Ort: Ruhr Museum. UNESCO Welterbe Zollverein, Areal A (Schacht VII), Kohlenwäsche (A14), Gelsenkirchener Straße 181, 45309 Essen

Öffnungszeiten: Täglich 10-18 Uhr, am 24., 25. und 31.12. geschlossen

Eintrittspreise: Nur Sonderausstellung: 7 € (erm.: 4 €), Gruppen 4 €, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahren sowie Schüler und Studierendengruppen im Rahmen einer gebuchten Führung frei

Dauer: 05.05.2016 – 28.02.2017

Information: www.ruhrmuseum.de

Gastautorin :Rachma Ayu Kasselmann
schrieb diesen Beitrag im Rahmen des Germanistik-Hauptseminars „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ der RUB 
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