Kommentar: Auswirkungen auf die Brexit-Debatte: Der Unterschied zwischen Großbritannien und dem Vereinigten Königreich
Der britische Tellerrand
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Bis hierher und nicht weiter: Eine Landgrenze ist einfacher zu überwinden als eine Wassergrenze. Foto: lux
Bis hierher und nicht weiter: Eine Landgrenze ist einfacher zu überwinden als eine Wassergrenze.
Eines der Hauptthemen der Brexit-Debatte ist Einwanderung. BefürworterInnen des Austritts behaupten, dass Immigration nur dann reguliert werden könne, wenn die Kontrolle über die Grenzen zurückerlangt und die nationale Souveränität wiederhergestellt wird. In ihrer Argumentation zeigen die Befürwortenden, dass ihr Blick nicht über den britischen Horizont hinaus reicht.
 
Würde die Brexit-Abstimmung nur in Großbritannien durchgeführt, hätten die Brexitiers ein überzeugendes Argument – denn Großbritannien ist eine Insel, die sich aus England, Schottland und Wales zusammensetzt. Die Außengrenzen sind leicht zu kontrollieren, da es nur die Wasserwege abzuschirmen gelte. ImmigrantInnen müssten dann vor Calais oder anderen Seehäfen von der Europäischen Union gestoppt werden.
 
Grafik: Mathew Lewis/Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)Nun wird die Abstimmung aber nicht in Großbritannien, sondern im Vereinigten Königreich durchgeführt. Dieses umfasst neben den bereits genannten Ländern auch Nordirland – und damit fangen die Probleme an. Zwischen Nordirland und der Republik Irland verläuft eine Landgrenze. Das Vereinigte Königreich ist daher nicht nur eine Insel, sondern gewisserweise eine Insel plus eine halbe. Dies allein macht die Grenzkontrolle schon schwieriger, aber nicht unmöglich. Es kommen aber bei dieser Landgrenze auch noch andere Faktoren ins Spiel.

Das Problem der Landgrenze 

Wenn sich nun das Vereinigte Königreich entschlösse, die Landgrenze zu schließen, würde sie den ohnehin fragilen Friedensprozess in Nordirland gefährden und sich zudem Ärger mit der irischen Regierung einhandeln, die eine beratende Rolle in der Verwaltung Nordirlands einnimmt. Dies weiß auch Theresa Villiers, Nordirlandministerin und Befürworterin eines Austritts. Sie erklärte in mehreren Interviews, dass die Landgrenze nicht geschlossen und die „Common Travel Area“, die IrInnen und BritInnen erlaubt, ohne Visa zwischen den Ländern hin und her zu reisen, nicht angetastet werde. Da Irland Mitglied der EU ist, gelte dieses Recht auch für andere EU-BürgerInnen.
 
Die offene Grenze in Nordirland stellt somit ein massives Problem im Falle eines Austritts dar. Wie will die britische Regierung Einwanderung kontrollieren, wenn sie die Grenze in Nordirland nicht schließt? Schließlich könnten MigrantInnen dann einfach nach Nordirland reisen und von dort aus in andere Teile des Vereinigten Königreiches gelangen.

Vereinigtes Königreich ≠ Großbritannien

Das Vereinigte Königreich ist eben nicht Großbritannien und so lange es als solches existiert oder bis Großbritannien bereit ist, Nordirland an die Republik Irland abzutreten, wird sich eine strikte Immigrationspolitik im Sinne von Villiers und anderen nicht durchsetzen lassen. Die Austrittskampagne zeigt mit ihren An- und Aussprüchen, dass sie nicht bereit ist, über ihren britischen Tellerrand hinauszublicken und die Gesamtlage des Vereinigten Königreiches in Betracht zu ziehen. Sie ignoriert damit schlicht und einfach die Lebenswelt aller BewohnerInnen zwischen Irischer See und Nordsee, zwischen den Highlands und den weißen Klippen von Dover.
Gastautor :Jan Freytag 
Grafik: Mathew Lewis/Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
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