Hausbesetzungen sind kein neues Phänomen: Eine Einordnung
Das Rauchhaus und die Rigaer Straße
Foto: Flickr / ctot_not_def
Alternativen zum Sytem? In Hausprojekten sollen oft auch konkrete Utopien gegen Wohnungsnot und Neoliberalismus umgesetzt werden. Foto: Flickr / ctot_not_def
Alternativen zum Sytem? In Hausprojekten sollen oft auch konkrete Utopien gegen Wohnungsnot und Neoliberalismus umgesetzt werden. Foto: Flickr / ctot_not_def

Angesichts steigender sozialer Ungleichheit in Deutschland und den in die Höhe schießenden Mietpreisen in Großstädten erscheinen die Geschehnisse in der Rigaer Straße 94 in Berlin zunächst einmal als ein sehr zeitgenössisches Problem: Menschen, die den verbliebenen, bezahlbaren Wohnungsbestand gegen InvestorInnen verteidigen. Eine Aufwertung des Gebäudes und die wohl mögliche Benutzung des Wohnblocks als Spekulationsobjekt lassen so die Mieten in die Höhe steigen und führen zum Auszug der BewohnerInnen. Der Protest scheint sich daher gegen die bestehenden neoliberalen Verhältnisse zu richten – diese Betrachtung der Ereignisse greift jedoch zu kurz.

Die Rigaer Straße ist seit 1990 besetzt. Zudem sind die Inbesitznahme von ungenutztem Wohnraum und damit die Umnutzung von sanierungsbedürftigen Gebäuden seit den 1970er Jahren eine Konstante in der Sozialgeschichte der Bundesrepublik. Dabei sind die Grundvoraussetzungen heute wie gestern dieselben, wie der Historiker Hanno Hochmuth erläutert: „Es geht um Kampf für bezahlbare Mieten, den Kampf gegen Kapitalismus und Gentrifizierung.“ Daher lohne es sich, einen Blick auf die Entwicklung der Häuserbesetzung zu werfen.

Von Berlin und Frankfurt in die ganze Bundesrepublik 

Zur ersten prominenten und medienwirksamen Besetzung eines leerstehenden Gebäudes kam es nach einem Konzert der Rockband Ton Steine Scherben am 8. Dezember 1971. Dabei wurde das ehemalige Schwesternheim des Bethanienkrankenhauses in Berlin Kreuzberg in Besitz genommen und in Georg-von-Rauch-Haus umbenannt. In der Folge wurden in Westberlin, dem Frankfurter Westend und auch in Bochum – etwa in der Alleestraße, der Heusnerstraße und am Trottenberge – viele Gebäude besetzt. Grund war zumeist die Wohnungsnot, die insbesondere in Westberlin groß war. „Gleichzeitig zum Leerstand gab es damals einen extremen Wohnungsnotstand in Berlin“, erklärt Historiker Hochhut. 

Die Räumung der in Besitz genommenen Häuser und deren Abriss lösten in den 1980er Jahren zahlreiche gewaltsame Zusammenstöße zwischen Polizei und BewohnerInnen aus, auch da Letztere die Gebäude oft in Eigenarbeit wieder in Stand gesetzt hatten. Das Bochumer Heusnerviertel wurde schließlich 1985 trotz Protest der BewohnerInnen dem Erdboden gleich gemacht.

Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart 

Lange waren Hausbesetzungen und der Kampf um den leerstehenden Wohnraum in den Medien nicht mehr vertreten. Das Thema schien vergessen. Doch dank der Rigaer Straße findet es sich wieder auf den Titelseiten der Presse. Auch wenn in der heutigen Bundesrepublik keine Wohnungsnot herrscht, so gibt es doch ein Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Die zunehmende Verarmung einiger Teile der Bevölkerung könnte zu einem Neuaufleben der Häuserbesetzungsszene führen. Denn wie schreibt schon Brecht in der Resolution der Kommunarden: „In Erwägung, daß da Häuser stehen während ihr uns ohne Bleibe laßt haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen weil es uns in uns’ren Löchern nicht mehr paßt.“

Gastautor :Jan Freytag

Autor(in):