Einblick in die großbürgerliche Parallelgesellschaft: Erfahrungsbericht eines Betroffenen
Das Pipi-Langstrumpf-Syndrom
Foto: Gemeinfrei
Im Regen stehen kein Problem: Für wen es Scheine regnet, der/die hat wie Justus-Aurelius ausgesorgt. Foto: Gemeinfrei
Im Regen stehen kein Problem: Für wen es Scheine regnet, der/die hat wie Justus-Aurelius ausgesorgt.

Der Habitus der GroßbürgerInnen ist bekannt: Sie wohnen in schmucken Villen, fahren Porsche, Jaguar oder Humvee und kleiden sich wie englische Landadelige. Doch wie sie die Welt um sich herum wahrnehmen, blieb rätselhaft – bis jetzt. Die :bsz konnte einen von ihnen ermuntern, diesen exklusiven Erfahrungsbericht zu schreiben.

Mir geht es gut, ich habe gar keinen Grund zu klagen oder zu protestieren. Ich weiß daher nicht, wieso andere auf die Straße gehen. Neulich, da hat mich mein Fahrer abgeholt und wir sind über den Bahnhofsvorplatz gefahren und da standen so ein paar GammlerInnen mit Schildern. Durch die getönten Scheiben habe ich die mir mal kurz angesehen. Also wirklich, furchtbar! Leute in Jogginghosen haben ja generell schon die Kontrolle über ihr Leben verloren (Der Spruch kommt nicht von mir, das hat der Karl gesagt. Auf den hör’ ich nicht nur, sondern von dem habe ich auch ’ne Menge im Schrank hängen). Was die da gefordert haben: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ und „Millionäre an den Pranger“. Wieso jemand, der doch ein Vorbild ist, an den Pranger soll, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. JedeR, der sich nicht die Finger schmutzig machen muss, um viel Geld zu machen, sollte gelobt und nicht gescholten werden. Sowieso, wenn die Leute mehr arbeiten würden, statt zu protestieren, wären sie viel besser dran. Aber genug von diesem halbtierischen Gesocks. Schließlich geht es hier um mich und nicht um sowas.

Der goldene Löffel im Mund

Manchmal sagen mir meine Jura-Mitstudierenden, dass ich mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Unrecht haben sie damit nicht. Schließlich bin ich schon als Kind mit Urgroßmutters Goldbesteck gefüttert worden, püriertes Hirschgulasch zum Beispiel. Nur das Beste eben. Selbst heute gehe ich nicht in die Caféten der RUB, da schmeckt alles wie Pappe. Komischerweise fallen andere darüber her wie Wölfe über ein Lämmchen. Können die sich nichts Ordentliches leisten? Auch wie die wohnen –  ich sollte eher sagen: hausen. Mein Zimmer in der Villa ist so groß wie die komplette Bude von einer, bei der ich mal ’ne Nacht verbracht hab. Die hätte ich aber nicht mit nach Hause bringen können, schließlich hatte die bunte Haare und ’ne Menge Piercings. Was hätten meine Eltern nur zu der gesagt?

Die befremdlich neue Nachbarschaft

Apropos Eltern: Die arbeiten ja beide nicht, die lassen ihr Geld für sich an der Börse arbeiten. Nicht vorzustellen, wenn die mit anderen verkehren müssten. Doch zukünftig müssen wir das wohl, denn in die Villa gegenüber hat die Stadt jetzt AsylantInnen einquartiert. Das Haus stand ja ziemlich lange leer und wenn es nach uns gegangen wäre, wäre das auch so geblieben. Aber wir werden ja nicht gefragt. So kommt die Welt nun auch zu uns. Ich trauere jetzt schon der Zeit hinterher, als ich die Welt noch ignorieren konnte und sie mir wie Pipi Langstrumpf nach meinen eigenen Vorstellungen formen konnte. Grundsätzlich fand ich Pipi ja immer zu anarchisch und rebellisch. Aber die Idee, die Realität zu verweigern, die hat mir immer schon gefallen.

Gastautor :Jan Freytag 

schrieb diesen Erfahrungsbericht nach dem Diktat von RUB-Jura-Studi Justus-Aurelius

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