Ringvorlesung zur Flüchtlingssituation: Zwei Kriminologen treten Vorurteilen entgegen
Das Märchen vom kriminellen Asylbewerber
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Ein Kriminalbeamter räumt mit Vorurteilen auf: BDK-Vorsitzender André Schulz erklärt, dass Geflüchtete nicht mehr Straftaten begehen als an­dere Menschen. Foto: bk
Ein Kriminalbeamter räumt mit Vorurteilen auf: BDK-Vorsitzender André Schulz erklärt, dass Geflüchtete nicht mehr Straftaten begehen als an­dere Menschen.

Begehen Geflüchtete, die aus Krisenländern wie Syrien nach Deutschland kommen, wirklich mehr Straftaten  als andere Menschen? Das Bild des gewalttätigen Asylbewerbers, das nicht zuletzt seit der Silvesternacht durch die Medien geistert, ist nur ein Klischee, sagt Professor Thomas Feltes, der den Lehrstuhl für Kriminologie an der RUB innehat. In der Fortsetzung der Ringvorlesung zur Flüchtlingssituation im Blue Square räumt der Wissenschaftler mit weiteren Vorurteilen gegen Asylsuchende auf.

„Im letzten Jahr sind etwa eine Million Flüchtlinge zu uns gekommen – und natürlich ist seitdem auch die Anzahl der Gewalttaten gestiegen“, erklärt Feltes zu Beginn seines Vortrags. Die Gründe dafür, so der Kriminologe, lägen jedoch nicht etwa allein bei den Geflüchteten selbst, sondern bei denen, die sie ablehnen. „Der Flüchtlingsstrom hat zu einem Anstieg rechter Gewalttaten geführt“, so Feltes.

Auch André Schulz, der Feltes als Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) bei seinem Vortrag unterstützt, stimmt dieser These zu. „Wir haben festgestellt, dass rechte Gewalt längst nicht nur von Personen verübt wird, die vorher in der Szene aufgefallen sind“, erklärt er und liefert gleich eine Anekdote aus seinem Arbeitsalltag nach: „Ein Täter, der ein Flüchtlingsheim angezündet hat, war ein gut gestellter Finanzbeamter und Familienvater. Der war der festen Überzeugung, etwas Gutes getan zu haben.“

Angesichts solcher Aussagen, so Schulz, könne er nur den Kopf schütteln. „Und diese Gewalt richtet sich gegen alle, die wie Asylbewerber aussehen.“

Problematische Unterbringung

In einem Punkt waren sich die beiden Vortragenden einig: Gerade in Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete käme es häufig zu kleineren Delikten wie Diebstählen oder Körperverletzungen nach Schlägereien. „Das deutet auf ein grundsätzliches Problem in den Unterkünften hin. Wenn die überfüllt sind, entstehen dort natürlich Spannungen“, erklärt Feltes. „Zwei Drittel der Delikte, die von Flüchtlingen begangen werden, sind aber Dinge wie Ladendiebstahl und Schwarzfahren“, ergänzt Schulz. Sexuelle Übergriffe, so der Kriminalbeamte, machen lediglich ein Prozent aller registrierter Straftaten, die von Geflüchteten begangen wurden, aus.

Bürgerwehr statt Polizei?

Dennoch, so Feltes, seien gerade diese Straftaten im Bewusstsein der Öffentlichkeit besonders emotional besetzt und daher ein medienwirksames Thema. Die Tatsache, dass sich nach den Vorfällen in der Silvesternacht in vielen Städten Bürgerwehren gegründet haben, deute auf ein gesunkenes Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei hin, so eine Zuhörerin, zumal die Gefahr bestünde, dass rechte Kräfte diesen Trend ausnutzen.

„Wir beobachten diesen Trend natürlich, aber wir gehen davon aus, dass er sich wieder legen wird“, so Feltes. „Bei solchen Bürgerwehren steckt immer eine gewisse Pfadfindermentalität dahinter. Es ist natürlich spannend, abends um die Häuser zu ziehen, aber nach ein paar Wochen schläft so etwas dann auch meistens wieder ein.“

:Birthe Kolb

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