Mittelalter + Christentum = Europa? Nein, Äthiopien!
Christliche Geschichte umschreiben
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Mediävistin Jun.-Prof. Dr. Verena Krebs – Autorin von „Medieval Ethiopian Kingship, Craft, and Diplomacy with Latin Europe“. Bild: Twitter @KrebsVerena
Mediävistin Jun.-Prof. Dr. Verena Krebs – Autorin von „Medieval Ethiopian Kingship, Craft, and Diplomacy with Latin Europe“.

Forschung. Die Könige Äthiopiens entsandten Missionen nach Europa im Mittelalter. Mit ihrem neuen Buch deutet Dr. Verena Krebs diese Missionen um.

Die Quellen, die die Basis von Dr. Verena Krebs Buch „Medieval Ethiopian Kingship, Craft, and Diplomacy with Latin Europe“ ausmachen, sind keine neuen Quellen. Im Gegenteil, zahlreichende Forschende haben sich bereits an den Quellen in den europäischen Archiven bedient. Genauso sieht es auch mit den äthiopischen Quellen aus – jedoch wurden diese zu großen Teilen von Linguist:innen verwendet. Auch die Thematik, mit dem sich das Buch von Dr. Krebs befasst, ist keine neue. Es geht um das salomonische Äthiopien, das Königreich von Aksum, ein christliches Königreich, dessen Könige zwischen 1400 und 1530 mindestens ein Dutzend diplomatische Missionen nach „latin europe“ entsandt haben, auf der Suche nach christlichen Reliquien, außergewöhnlichen Gewändern und verschiedenen Handwerkskünstlern.
Bisher haben Forschende angenommen, dass die äthiopischen Könige den Kontakt nach Europa gesucht haben, um ihre Zivilisation und Techniken weiterzuentwickeln. Mit ihrem neuen Buch bricht Dr. Krebs genau diese Herangehensweise. Die Forscherin erzählt im History Extra Podcast der BBC (tinyurl.com/HistoryExtraPodcast), dass sie genau diese Ansicht der Abhängigkeit verwundert. Das äthiopische Königreich war nicht nur ein reiches, sondern auch ein sehr vernetztes Königreich, das nicht auf europäische Hilfe angewiesen war.

Diese Ansicht ist auch der Ausgangspunkt ihres Buches. Es geht um genau diese Beziehungen zu Europa und die entsandten Missionen. Die erste dieser Missionen war am Anfang des 15. Jahrhunderts. König David entsandte seine Botschafter nach Venedig, weil er von den Gerüchten gehört hat, die europäischen Könige besäßen bedeutsame christliche Relikte wie beispielsweise das wahre Kreuz Christi, an dem Jesus gestorben sein soll. Die erste Mission war ein voller Erfolg: die Botschafter kehrten mit religiösen Relikten und Gewändern zurück. Auch reisten Handwerker und Künstler mit ihnen, um ihre Kunst als auch ihr Geschick mit der äthiopischen Bevölkerung zu teilen. Daraufhin folgten weitere Missionen, innerhalb von fünf Jahren noch zwei weitere nach Rom. Insgesamt entsandten die äthiopischen Könige zahlreiche Botschafter nach Valencia, Sizilien und Neapel. Auch zog es die Botschafter, in diesem Fall äthiopische Mönche, nördlich der Alpen, wo sie unter anderem den Papst trafen. Doch nicht alle Missionen waren erfolgreich. Während einer Mission 1420 wurde ein Botschafter auf dem Rückweg in Kairo öffentlich exekutiert. Bei einer anderen starben die Botschafter auf See.
Der Grund, weshalb der Großteil der Missionen erfolgreich verlief, waren die positiven Beziehungen, die die äthiopischen Könige zu den Ägypter:innen pflegten. Einige Quellen erzählen von Mahlzeiten, die ägyptische Muslime mit den salomonischen Pilgern teilten. Diese gute Beziehung führte dazu, dass Äthiopier:innen problemlos durch Ägypten reisen konnten, nicht nur, um ihre Missionen auszuführen, sondern auch, um zum Heiligen Land zu pilgern. Die Ägypter:innen waren allerdings nicht von den Europäer:innen begeistert und ließen diese nicht durch ihr Land passieren, weswegen diese erst Anfang des 16. Jahrhundert die äthiopischen Könige besuchen kommen konnten.
Neben ihrem Buch ist Dr. Verena Krebs noch in weiterer Forschung über Äthiopien involviert. Beispielsweise arbeitet sie aktuell zusammen mit Dr. Yonatan Binyam an einem Buch mit dem Titel „Ethiopia and the World, 500-1530“ für die „Global Middle Age Series“ der Cambridge University Press.

:Augustina Berger