Bildung ist Machtfaktor.
Chinas Bildungspolitik wird Zielscheibe
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Im Zentrum internationaler Spannungen: die Fudan-Universität.

China. Im Juni gab es verschiedene „Studentenproteste“ gegen die chinesische Bildungspolitik. Die westliche Berichterstattung darüber ist Teil zunehmender Spannungspolitik.

Mitte Juni kam es in mehreren chinesischen Städten zu Protesten: Von mindestens zehn Hochschulen in den östlichen Provinzen Zhejiang und Jiangsu ist die Rede. Dort gingen Medienberichten zufolge hunderte Studierende auf die Straße. In einigen Städten blieb es friedlich, in anderen kam es zu Auseinandersetzungen. Der Hintergrund ist, dass die Behörden im Zuge von Bildungsreformen einige Universitäten mit niedriger gestellten Berufsschulen fusionieren wollten. Die Studierenden befürchteten daher, dass ihre Abschlüsse weniger wert sein könnten. Die Proteste bewirkten schließlich, dass die Regierung ihr Vorhaben zurückzog. So viel erfährt man aus den meisten westlichen Medien. Hier und da liest man dann noch, dass die Reform an sich eigentlich sinnvoll sei, für die Betroffenen aber negative Folgen haben könne. Informationen, die einem helfen, das Geschehen einzuordnen, erhält man nicht: Vom chinesischen Hochschulsystem weiß man lediglich, dass es streng und hart sei, und über den sozialen oder politischen Hintergrund der „Studenten“ erfährt man nichts. Im Zentrum der Berichterstattung standen die Proteste an sich. Das reiht sich ein, in eine längere Tradition der China-Berichterstattung. 
Anfang des Monats erhitzte ein weiteres Thema die Gemüter in der deutschen Medienlandschaft: China hatte mit Ungarn ein Abkommen beschlossen, demzufolge die Fudan-Universität in Shanghai, eine der weltweit führenden Hochschulen, einen Campus in Budapest errichten soll. Die Kosten dafür betragen knapp zwei Milliarden Euro und werden wohl von Ungarn übernommen, China springt mit Krediten ein und hat den Bauauftrag für chinesische Firmen gesichert. Unterm Strich bedeutet das, dass ein technisch und wissenschaftlich hochentwickeltes Land einem kleinen, weniger entwickelten gegen Geld einen Teil des eigenen Forschungs- und Technik-Knowhows zur Verfügung stellt. Dabei entsteht zweifellos ein Abhängigkeitsverhältnis, unüblich ist es aber nicht. Es ist zweifelhaft, ob es laute Kritik gegeben hätte, wenn ein westliches Land ähnliches mit Budapest vereinbart hätte. Beides jedoch – die hohen Kosten und die Bindung an China – hat in Ungarn Proteste provoziert: Bis zu 10.000 Menschen gingen auf die Straße, auch hier viele „Studierende“. Aber auch die parlamentarische Opposition, die für einen strammen pro-EU-Kurs steht, ging auf die Barrikaden. In Deutschland wurde ausführlich und vor allem negativ berichtet.

Auffällig ist, dass ansonsten wenig über die chinesische Bildungspolitik zu hören ist. Zum Beispiel, dass sowohl Schulen als auch Hochschulen zu den besten der Welt gehören, dass die Schulbildung und Nachhilfe kostenfrei sind, die Landbevölkerung Vergünstigungen bei den Kosten für die Hochschulbildung erhält, dass das Bildungssystem dezentral ist oder dass mittlerweile 98 Prozent der 1,4 Milliarden Chines:innen lesen und schreiben können. Das ist das Ergebnis eines enormen Anstiegs des Lebensstandards im einwohnerreichsten Land der Welt, das sich in den letzten 100 Jahren von einem kolonial unterdrückten Agrarland zu einer führenden Industrienation gewandelt hat. Und das dem Westen mittlerweile zur lästigen Konkurrenz wird.

Daher rührt auch das einseitige, auf negative Aspekte fokussierte Interesse deutscher Medien an der chinesischen Bildungspolitik.

:Leon Wystrychowski