»100 Jahre Ruhrgebiet«
Breite Themenpalette, wenig Tiefgang
Bild:stem
Bunte Gegenwart? So leicht kann man es sich machen

Ausstellung. Im Ruhr Museum der Zeche Zollverein kann eine Ausstellung zur jüngeren Geschichte des Ruhrgebiets besucht werden.  

Das, was heute als Ruhrgebiet bekannt ist, erhielt seine Struktur und Identität nach dem Ersten Weltkrieg, also vor rund 100 Jahren: Kohle und Stahl als wirtschaftliche Grundlage, die Kultur geprägt durch Klassenbewusstsein und Migration. Ereignisse wie die Novemberrevolution 1918, die Märzrevolution 1920 und die Ruhrbesetzung durch Frankreich 1923 machten das Revier zu einer der konfliktreichsten Regionen Deutschlands. Zugleich war es Herzstück der deutschen Wirtschaft, in Friedens- wie in Kriegszeiten. Darum war auch den Nazis viel daran gelegen, die Region ruhig zu halten, kam doch vorwiegend von hier das Material für ihre Eroberungspläne. Nach der Befreiung vom Faschismus fiel das Gebiet den Westmächten in die Hände und wurde in Verbindung mit dem Marshall-Plan und unter Ausnutzung von Arbeitsmigrant:innen zur Triebfeder des westdeutschen „Wirtschaftswunders“, welches die BRD zum soliden Frontstaat im Kalten Krieg machte. Dem wirtschaftlichen Aufschwung und den sozialen Fortschritten der ersten Jahrzehnte folgten in den Siebziegern Krisen, Entlassungen und steigende Arbeitslosigkeit, die das Ruhrgebiet in der zweiten Hälfte seines hundertjährigen Bestehens, also bis heute kennzeichnen. 

Insofern ist es schwer nachvollziehbar, wieso es zu Beginn der Ausstellung heißt, die Geschichte des Ruhrgebiets sei eine Geschichte der „sozialen Befriedung“. Klassenkämpfe in der Zwischenkriegszeit, Unterdrückung unter NS-Herrschaft und Sozialpartnerschaft nach 1945 – so sehen die drei Phasen aus, die hier strikt voneinander getrennt werden (wobei die Zeit 1933-45 in der Ausstellung gar nicht vorkommt). So fällt es leichter, Kontinuitäten auszublenden: Denn zwar war es der Kapp-Putsch rechter Militärs, der 1920 den landesweiten Generalstreik und den Aufstand der Roten Ruhrarmee auslöste. Doch wie schon 1919 war es die SPD, welche die Reichswehrtruppen, einige schon mit Hakenkreuz am Helm, ins Revier schickte, um die Arbeiter:innenrevolte im Blut zu ersticken. Und auch die angepriesene Sozialpartnerschaft konnte nur durchgesetzt werden, weil die NSDAP den Klassenkampf mit Terror, Volksgemeinschaftsideologie und Zwangsarbeit „befriedet“ hatte und in der BRD nach 1945 vormalige Nazis, der rechte SPD-Flügel und die Westmächte geeint eine Strategie erarbeiteten, soziale Konflikte klein und so das Hinterland im Kalten Krieg ruhig zu halten. 

So aber werden die Besucher:innen gleich eingestimmt in eine Ausstellung, die, was die politische und soziale Geschichte angeht, äußerst flach und unkritisch ausfällt. Diese allgegenwertige Oberflächlichkeit kann zwar nicht ausgeglichen werden, aber immerhin ist die Breite der behandelten Themen doch positiv hervorzuheben: So können die Besucher:innen zumindest Einblicke in die regionale Kunst-, Kultur- und Sportgeschichte, die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung im Ruhrgebiet, die hiesige Wohnungspolitik, die Migrationsgeschichte, den Schienenverkehr und die Schifffahrt gewinnen. So erfährt man etwa, dass der Ruhrpott die größte Theaterdichte Europas besitzt, dass die gelben Ortsschilder erstmals im Ruhrgebiet aufgestellt wurden und dass sogenannte „Gastarbeiter“ nicht nur aus der Türkei, Nordafrika und Südeuropa, sondern etwa auch aus Nordkorea in die BRD kamen.

    :Leon Wystrychowski