Studienkreis Film (SKF): „Doktor Schiwago“ als Weihnachtsfilm
Bourgeoise Begierde statt bolschewistische Bambule
Foto: Metro-Goldwyn-Mayer
Läuft beim Studienkreis Film im Vorweihnachtsprogramm: David Leans „Doktor Schiwago“ Foto: Metro-Goldwyn-Mayer
Läuft beim Studienkreis Film im Vorweihnachtsprogramm: David Leans „Doktor Schiwago“

Beim SKF steigt am Donnerstag das cineastische Begleitprogramm zur rot-rot-grünen Revolution in Thüringen: Mit der bolschewistischen Umwälzung zerbröseln in David Leans „Doktor Schiwago“ selbst zu Weihnachten Besinnlichkeit, Bürgerlichkeit und Balz. Bedauerlich und brandaktuell.

Als ob es ein Ungeheuer wäre, was sie da zeigt. So gleitet die Kamera zur Figur des von Alec Guinness gespielten Volkskommissars hoch. Dann: Eine düstere Totale, auf einer Brücke über einem finsteren Tal marschieren Menschen in Reih’ und Glied, im Hintergrund leuchtet ein großer, roter Stern – willkommen im Kommunismus. Aber dieser Alec Guinness wäre nicht später zum Lehrer Darth Vaders rekrutiert worden, wenn er nicht, im Angesicht des Bösen, den Weitblick hätte, dieses eine Individuum – denn darauf kommt es an, das ist die Pointe, mit der uns dieser Streifen Weihnachten versüßt – aus der Masse zu erkennen, welche die Erzählung einleitet. Der Bald-Jedi gibt uns den Erzähler in David Leans Verfilmung (1965) von Boris Pasternaks mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten (und damals von der CIA finanzierten) Romanbestsellers „Doktor Schiwago“. Denn in der jungen Frau, die er da erblickt, glaubt er, die uneheliche Tochter seines Halbbruders Jurij zu sehen. Er erzählt ihr die lange und – wie es sich für einen Lean-Film gehört – epische Geschichte.

Worauf es ankommt

Der junge dichtende Arzt Jurij Schiwago (Omar Sharif) ist glücklich verheiratet und lernt dann die schöne Lara (Julie Christie) kennen. Die ist allerdings vergeben. Doch die Wege der beiden kreuzen sich im Laufe der Zeit immer wieder, bis sich beide vor dem Hintergrund des russischen Bürgerkriegs verlieben.

Der böse Komarovsky (Rod Steiger) gibt der jungen Lara einen heißen Tipp: „Es gibt zwei Arten von Männern.“ Die einen seien die idealistischen, die die Welt verbessern wollten, und die anderen, die sind das Leben selbst. Dass sich der Fiesling für zweiteres hält, ist klar; für was er sie hält, wissen wir dann auch: „Du bist eine Dirne.“ Dumm nur, dass diese mit dem Weltverbesserer und Revoluzzer Pascha anbandelt. Geht das? Die Bitch und der Bolschewik? Natürlich nicht, denn dieser ist nicht nur Bolschewik, sondern – wie alle Sozialisten im Lean-Pasternak-Kosmos – einer aus dem Bilderbuch, ein roter Roboter, hat später nur noch einen Kopf für Partei und Revolution und ist zudem ein verdammt böser Bube, der das Volk terrorisiert.

„Der romantische Individualismus ist tot. Die Geschichte hat ihn zerstört“, sagt er dann. Und er sagt es auch noch niemand Geringerem als Doc Schiwago selbst, der Ästhet mit den individuellen Gedichten, der philanthropische Arzt mit dem Blick auf das Elend des Einzelnen, während die roten MachthaberInnen das ganze Elend hier verschulden: Kein Eigentum mehr, kein Zar, keine Bunga-Bunga-Partys. Schiwagos humanistischer Blick (des Bourgeois) bleibt vor allem auf Lara gerichtet, sodass es trotz sibirischer Verbannung heiß hergeht.

Ein so romantisierendes, zuckersüßes Plot-Gepoltere, dass man den reaktionären Gehalt gar nicht mehr vernimmt. Denn um den historischen Hintergrund geht es nicht. Vielmehr: Finden sich die beiden Süßen oder nicht? Erst nicht. Dann aber. Oder doch nicht? Aber dann … Das muss man nicht toll finden, aber es vergnügt. Ein Klassiker, der uns zeigt, wo das Ungerechtigkeitsgedusel hinführt. Wo bleibt da noch die Liebe, der Individualismus, gar der Konsum? Also, denkt an Eure Liebsten und geht besser Geschenke kaufen! Aber vorher ins HZO.

:Benjamin Trilling

Doktor Schiwago (Original mit Untertiteln)
Regie: David Lean
mit: Alec Guinness, Klaus Kinski, Geraldine Kinski, Omar Sharif, Julie Christie
197 Minuten + Vorfilm
Donnerstag, 18. Dezember, 19:30 Uhr. Studienkreis Film, HZO 20, RUB. Eintritt 2,50 Euro (+ SKF-Karte (ein Semester gültig) 1,50 Euro)