Ein philosophisches Lehrexperiment
In Bolognas Schatten
Foto: Wikimedia, Joanbanjo
Ob an der RUB oder in Katalonien: Der Bologna-Prozess ist europaweit unbeliebt. Foto: Wikimedia, Joanbanjo
Ob an der RUB oder in Katalonien: Der Bologna-Prozess ist europaweit unbeliebt.

Der Verbund aus den sechs Bochumer Hochschulen „UniverCity“ bezeichnet die Stadt Bochum als Wissenschaftsstandort ganz neuen Typs – „mit weltoffenen und pragmatischen Menschen“. PhilosophiestudentInnen der Ruhr-Universität stellten die These unter Beweis.

(Ursula Kampmeier) Vor Beginn des aktuellen Wintersemesters fand an der Ruhr-Universität am 28. und 29. September 2012 ein größtenteils von Studierenden organisiertes Lehrexperiment in Form eines zweitägigen Workshops mit dem Titel „Grundlagenwissenschaften versus Verwertungswissenschaften? Wissenschaftssystem und Universität unter Anwendungsdruck“ statt. Dieses Projekt nahm seinen Ausgang am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte des Instituts für Philosophie I. Während des gesamten Sommersemesters bereiteten sich zwölf Masterstudierende auf die Veranstaltung vor: Unterschiedliche Formen und Konsequenzen des Wissenschaftswandels wurden von den Studierenden durch eigene, abwechslungsreich gestaltete Beiträge in den Fokus gerückt.

Universität als Industriestandort

Eine ökonomische Perspektive im Wissenschaftsbetrieb kann, spätestens nach der Postulierung des „Wirtschaftsfaktors Hochschule“, nicht mehr geleugnet werden. Reformvorhaben der universitären Struktur setzen auf wissenschaftlich ausgebildete Fachkräfte statt auf die Bildung von WissenschaftlerInnen. Dieser Prozess ist von studentischer Seite unübersehbar, denn die Studierenden sind neben den Lehrenden die Hauptleidtragenden des derzeitigen „Perspektivwechsels“. Im Rahmen des zweitägigen Workshops beleuchteten die TeilnehmerInnen die Bologna-Reform und ihre Auswirkungen auf den europäischen Hochschulraum. Von den an der Reformumsetzung beteiligten HochschullehrerInnen waren während der Veranstaltung kontroverse Standpunkte zu vernehmen: Die Einen empfanden die korsettartige Modularisierung der Studiengänge als Segen im Kontrast zum vorherigen Chaos, das nur einer kleinen, durchhaltefähigen Elite einen Magister-Abschluss ermöglichte. Die Anderen vertraten die Ansicht, dass für die massentaugliche Studienorganisation zu viele Freiheiten geopfert worden seien.

Suche nach der verlorenen Zeit

„Sind die Universitäten wirklich einen Schritt weiter gekommen, wenn die Studierenden bereits nach einem Jahr ihr Studium abbrechen, da sie sich entweder fühlen als hätten sie die Schulbank niemals verlassen oder der permanente Leistungsdruck bereits im Bachelor zu Burnout-Erscheinungen führt?“, fragte sich eine Teilnehmerin während des Workshops. Das Versprechen eines offenen europäischen Hochschulraums mit einheitlichen und übersichtlichen Studienordnungen ist praktisch in sein Gegenteil umgeschlagen: Der enge Zeitplan der neuen Studiengänge lässt keinen Raum für Auslandssemester, die Furcht vor der Überschreitung der Regelstudienzeit ist allgegenwärtig. Auch der Erwerb und die Anerkennung von Prüfungsleistungen wurden durch das Kreditpunktesystem nicht unbedingt einfacher und einheitlicher: In Italien sind beispielsweise nur 25 Arbeitsstunden für einen CP zu leisten, der in Deutschland 30 Arbeitsstunden „kostet“.
Diese und etliche weitere Mängel der Bologna-Reform wurden während des Workshops mit externen Gästen angeregt und kontrovers diskutiert. Als Fazit steht fest, dass die Chance an einem solchen Lehrexperiment teilzunehmen für die Studierenden bedeutete, einen Schritt in Richtung „Menschenbildung“ zu machen, als bloß eine schlichte Ausbildung für einen zukünftigen Arbeitgeber zu erfahren.

Ursula Kampmeier ist Philosophiestudentin an der RUB. Die :bsz wird auch zukünftig die Auswirkungen des Bologna-Prozesses kritisch thematisieren. Bezüglich der Ziele des Bologna-Prozesses ist die teilweise Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal aus einer humanistischen Sichtweise heraus zu hinterfragen. Mehr noch als die Ziele ist jedoch die Art der Umsetzung der Bologna-Reform durch die Hochschulen und Dozenten zu hinterfragen.  Redaktionsexterne Beiträge zu diesem Themenkomplex werden auch in Zukunft in der :bsz berücksichtigt.

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