Seit etwa 10 Jahren hat Bochum von seiner HausbesetzerInnenszene nichts gehört
BochumerInnen solidarisieren sich mit Hernerstraße
Foto: bent
Bunt und offen: Seit der Besetzung ist die Herner Straße 131 ein lebendiger Freiraum für alle. Foto: bent
Bunt und offen: Seit der Besetzung ist die Herner Straße 131 ein lebendiger Freiraum für alle.

Freiraum. Seit fast zwei Wochen halten AktivistInnen ein leerstehendes Haus besetzt. Die Eigentümerin hat bereits Anzeige erstattet, doch in der Nachbarschaft wird die Aktion begrüßt: Hunderte kamen zu Veranstaltungen oder packen  bei der Renovierung mit an.

Anstrengend ist es in den letzten Tagen gewesen. Aufräumen, Entrümpeln, Sanieren, Reparieren, Kochen – alles wird im besetzen Haus an der Hernerstraße basisdemokratisch in Arbeitsgruppen organisiert. Paula ist in der Presse-AG tätig. „Die Leute sind nach den Tagen schon geschafft“, sagt sie. „Aber bei so viel Solidarität sind natürlich auch alle wieder zufrieden und glücklich“.

Vor fast zwei Wochen haben AktivistInnen am Abend des 19. Mai das leerstehende Haus an der Hernerstraße 131 besetzt. Warum? Da müssen sie nicht lange überlegen: „Das Haus steht seit längerer Zeit leer, das Ladenlokal bereits seit 16 Jahren, während zahlreiche Menschen vergeblich auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum sind oder in Massenunterkünften leben müssen“, erklärt Paula. „Durch diese Besetzung wird einer von vielen Leerständen in Bochum wieder nutzbar.“

Eigentümerin der Immobilie ist eine ältere Frau. „Sie ist nur schwer erreichbar, aber wir suchen kontinuierlich das Gespräch mit ihr, um eine gute Lösung für alle Beteiligten zu finden“, sagt Paula. Doch die Eigentümerin hat bereits in der letzten Woche Anzeige bei der Polizei erstattet. „Das heißt, wir sind räumungsgefährdet.“ Bisher ist das aber nicht geschehen. Und so wird an der Hernerstraße weiter fleißig angepackt. Denn in den letzten Jahren wurde fast nichts für die Instandhaltung des Gebäudes getan: So muss der Dachboden  entrümpelt und die mit Schimmel befallenen Wände in der Wohnung saniert werden. Insgesamt würde eine Renovierung 300.000 bis 500.000 Euro kosten, schätzen die BesetzerInnen. 

Viel Tatendrang

Doch vieles geht bereits in den ersten Tagen gut voran: Wände werden gestrichen, Bauschutt rausgetragen oder mit Arbeitsplatten Möbel improvisiert. Dass es überhaupt so gut läuft, liegt an der Unterstützung aus der Stadt und der Nachbarschaft: „Es kommen täglich interessierte Anwohner*innen vorbei, um ihre Unterstützung zu bekunden, Ideen einzubringen oder auch konstruktive Kritik zu äußern“, erzählt Paula. An den täglichen Plena kann jedeR teilnehmen. Es soll kein reines linke-Szene-Projekt sein, das erklären sie an der Hernerstraße immer wieder: Einen Freiraum wollen sie – zur Begegnung, für Kreatives oder zum solidarischen Wohnen: „Die Hausbesetzung ist für die Leute, die hier wohnen“, erklärt Paula. „Die Hernerstraße 131 bietet genug Platz, um dies möglich zu machen. Zum Beispiel könnte das Ladenlokal als Treffpunkt dienen und die oberen Stockwerke könnten renoviert werden, um als Wohnraum für verschiedenste Menschen zu dienen.“

Und die NachbarInnen begrüßen das Projekt: Essen und Getränke werden vorbeigebracht, mit Wasser und Strom ausgeholfen oder bei der Renovierung mitangepackt. „Die Situation mit der Nachbarschaft ist total super“, freut sich Paula. Auch das breite Programm wurde besucht: Über 200 Menschen kamen zum Grillen, großer Andrang herrschte auch bei der Podiumsdiskussion oder dem Konzert mit der aufstrebenden Rap-Band AMK. Schon jetzt ist der Freiraum an der Hernerstraße in der Nachbarschaft nicht wegzudenken. Auch wenn noch viel Arbeit im Haus ansteht.       

:Benjamin Trilling