Bochums Nationalsozialistische Geschichte
Bochum, Stadt der Täter und Oper
Stadtarchiv Bochum
Symbolbild

Als Verwaltungssitz des Gaues Westfalen-Süd war Bochum ein zentraler Ort für die Organisation der Nazi-Verbrechen, und wird oft als Hochburg der NSDAP angesehen. Eine Stadt, deren Stadtbild wie das vieler deutscher Städte geprägt ist von Namen von Opfern, Stolpersteinen und Erinnerungsorten. Doch nicht nur die Opfer des Nationalsozialismus prägen und prägten die Stadt, auch die Täter spielen eine wichtige, wenn auch verschwiegene Rolle, denn die Traumata der Leidtragenden endeten genauso wenig mit dem Krieg wie der Einfluss derjenigen, die ihnen ihr Leid angetan haben. 

Eine Geschichte wie viele

Wenn von Bochum als Hochburg des westfälischen Nationalsozialismus gesprochen wird, kommt das nicht von ungefähr: Bereits in den 20er Jahren konnte die NSDAP hier beginnen, ihre Macht zu etablieren und es gab in Bochum selbst und damals noch eigenständigen Nachbarstadt immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen. Als „Blutzeugen“ propagandistisch stilisiert, wurden oft Straßen und Plätze nach denjenigen SA-Leuten benannt, die vor der Machtergreifung in Bochum bei solchen Gefechten ums Leben kamen. Nach der Machtergreifung begann auch in Bochum die Gleichschaltung: Ämter und andere wichtige Positionen wurden mit Sympathisanten und Mitgliedern der NSDAP besetzt. Einige von ihnen entkamen der sowieso wenig gründlichen Entnazifizierung:

Der letzte Leiter des von Bochum aus geleiteten Gaues Westfalen-Süd, Albert Hoffmann, war nach dem Krieg als erfolgreicher Unternehmer tätig.  Sein Sohn Bolko gründete die rechtspopulistische Kleinpartei „Pro DM“ (1998 – 2007). 

Fritz Schleßmann wurde 1934 Polizeipräsident von Bochum, und schaffte es bis zum Kriegsende bis zum Rang des SS-Obergruppenführers. Er war an mehreren Verbrechen gegen politische Gegner wie Misshandlungen und Erschießungen beteiligt und lebte nach dem Krieg in Essen.

Bochum lag, wie viele Städte des Ruhrgebiets, besonders im Fokus alliierter Bombenangriffe, da sie einige Produktionsstellen für Waffen und anderes Material beherbergte. Am 4. November 1944 wurde bei dem schwersten Angriff ein großer Teil der Innenstadt zerstört. Zwangsarbeit war im „dritten Reich“ ein zentraler Faktor in jeglichen Bereichen der Wirtschaft und Produktion. Bochum war dabei keine Ausnahme, und während die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt ist, wurden knapp 1.800 Zwangsarbeiter auf dem Zentralfriedhof beigesetzt. In Bochum gab es außerdem ein Außenlager des KZ-Buchenwald, welches 1944 – ebenfalls von Zwangsarbeitern – errichtet wurde, und auch zur lokalen Produktion beitragen sollte.

Durch Zusammenlegung mehrerer Vereine gründeten die Nazis außerdem den VfL Bochum. 

In Bochum sind kaum direkte Spuren der Herrschaft der Nazis übriggeblieben. Der Zentralfriedhof ist jedoch Denkmal nationalsozialistischer Architektur, wurde er doch im Stil dieser in den späten 30er Jahren errichtet. 

Schaut man in andere Städte Deutschlands findet man überall Geschichten, die der Bochums ähneln. Geschichten von Gewalt, Gesellschaftlicher Umstrukturierung und Zerstörung. Aber auch Geschichten von Tätern, die davonkamen, einer Bevölkerung, die von den Verbrechen wusste, aber nichts unternahm und einer Aufarbeitung der Taten, die nur schleppend in Fahrt kam. In dieser Hinsicht steht Bochum nicht allein, sondern reiht sich ein in die lange Liste westdeutscher Städte, die auf eben so eine Geschichte zurückblicken.

:Jan-Krischan Spohr

Entnazifizierung in Bochum

Der Einfluss der nationalsozialistischen NSDAP während des Zweiten Weltkriegs war in allen Lebensbereichen allgegenwärtig. Mit dem Ende des Krieges 1945 galt es, eben diese Einflüsse zu beseitigen, um endgültig die NSDAP aufzulösen und einen neutralen Boden der Demokratie wiederherzustellen. Eine als Entnazifizierung bezeichnete Politik der Nachkriegszeit setzte sich als Ziel, in den Bereichen der Kultur, Gesellschaft, Presse und Justiz von jeglichem Einfluss des Nationalsozialismus zu befreien. Das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom März 1945, verabschiedet vom Länderrat des amerikanischen Besatzungsgebietes, sah vor, alle Deutsche, die an der Gewaltherrschaft beteiligt waren, vom öffentlichen Leben auszuschließen und zur Wiedergutmachung zu verpflichten. Bei dem Verfahren wurde jede:r Deutsche dazu angehalten, einen Meldebogen auszufüllen, in dem die Mitgliedschaft bei der NSDAP und derer Organisationen offenzulegen war.

Unter Leitung des städtischen Justiziars Rudolf Witmann fanden im März 1946 im Bochumer Rathaus Besprechungen zum Entnazifizierungsschiedsgericht statt. Zur Tagesordnung standen hier formale und organisatorische Entscheidungen. Man beschloss die Errichtung einer zentralen Institution, die bisherige Stellen der Entnazifizierung ablöst und die Überprüfung der zu entnazifizierenden Bochumer übernahm. Man rief fünf Unterausschüsse ins Leben, die eine solche Überprüfung in Berufszweigen, die für die öffentliche Sicherheit besonders wichtig waren, vornahm. In diesen Ausschüssen saß jeweils mindestens ein Mitglied der Bochumer SPD, KPD und CDU. Gegen Ende des Jahres wurden zwölf weitere Ausschüsse eingerichtet, um den Entnazifizierungsprozess in mehr Bereichen aufzunehmen. In den vielen Ausschüssen und Unterausschüssen waren rund 400 Bochumer beschäftigt. Die Prozesse der Überprüfung waren von übermäßiger Bürokratie geplagt, sodass eine Beschleunigung im Jahr 1947 von der Bochumer Militärregierung angeordnet wurde. Von weitläufigen Ermittlungen und Anhörungen hatte man danach abgesehen und entschieden, vorrangig nach den Auswertungen der vorliegenden Fragebögen. Die entstandenen Lücken der Untersuchungen im Laufe des Beschleunigungsprozesses erlaubten, dass in Bochum Mitglieder der NSDAP sich weiterhin dem Entnazifizierungsprozess entziehen konnten.

:Artur Airich

 
 
Co-Autor(in):