BLACK LIVES MATTER
Bevor es zu spät ist
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Black Lives Matter – auch Deutschland ist von systemischem Rassismus betroffen.

Kommentar. Knapp ein Jahr nach dem Mord an George Floyd ist nun das Urteil gefallen: Derek Chauvin ist schuldig in allen Anklagepunkten. 

Fast ein Jahr sind die neun Minuten und 29 Sekunden her, die der Welt den Atem raubten. I CAN’T BREATHE ist der Satz, der die Proteste im Sommer 2020 stetig begleitete. Der Mord an dem Afroamerikaner George Floyd lässt die Black Lives Matter-Bewegung aufleben und plötzlich schert sich die ganze Welt um das Thema Rassismus. Nicht nur in den USA wird demonstriert, sondern auch in Deutschland, Japan, England, Brasilien, Australien und weiteren Ländern. Die von Kolonialismus und Rassismus gefärbte Vergangenheit Englands wird den Leuten klar und Demonstrierende in Bristol werfen im Juli die Statue von Edward Colston, welcher Investor für die Sklavenhandelskompanie „Royal African Company“ war, in einen Fluss.
Der Fall George Floyd ging vor Gericht und nun ist ein Urteil gefallen: schuldig in allen Anklagepunkten. Die Welt atmet auf, so berichtet beispielsweise George Floyds Bruder Philonise: „Ich bekomme Nachrichten aus aller Welt – Ghana, London – die mir sagen, wir können nicht atmen, bis du es kannst. Nun, heute können wir wieder atmen. Gerechtigkeit für George bedeutet Freiheit für alle.“ Auch beteuert der amtierende US-Präsident Biden: „‘Ich kann nicht atmen‘, das waren George Floyds letzten Worte. Wir können diese Worte nicht mit ihm sterben lassen.“ Mit dem Urteil hat George Floyd Gerechtigkeit erfahren. Doch wie genau sieht das Urteil eigentlich aus?
Die drei Anklagepunkte, deren Derek Chauvin schuldig gesprochen wurde, sind Mord zweiten Grades, Mord dritten Grades und Totschlag zweiten Grades. Alle diese Anklagepunkte haben eins gemeinsam: sie gehen davon aus, dass der Mord nicht vorsätzlich geplant war. Das wäre nur bei der Anklage Mord ersten Grades der Fall gewesen. Denn Mord zweiten Grades geht von einem Mord aus, der nicht geplant wurde, während Mord dritten Grades eine Handlung darstellt, die durch ihr Risiko und dem „verdorbenen Verstand“ der mordenden Person im Tod des Opfers resultiert. Totschlag zweiten Grades beschreibt wiederum eine gefährliche Handlung, die in einen Mord resultiert, obwohl der:die Mörder:in sich den Folgen bewusst ist. Auch wenn Chauvin schuldi g gesprochen wurde, steht das genaue Urteil noch aus. Fest steht, dass der Ex-Polizist für viele Jahre ins Gefängnis gehen muss.

Ist das Urteil nun das Ende der Bewegung? Nein, so der Bürgermeister Londons Sadiq Khan: „Das Gerichtsurteil muss der Anfang wahrer Veränderung sein – nicht das Ende.“ Das ist, was viele Menschen fordern. Doch an dem Tag des Urteils passiert es schon wieder: die junge Ma’Khia Bryant wird von der Polizei erschossen. Sie hatte sich mit zwei weiteren Pflegekindern über Ordnung im Haushalt gestritten. Weil sie ein Messer in der Hand hatte, wurde sie von der Polizei erschossen. Sie ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die der Polizeigewalt zum Opfer gefallen ist.  Allein seit dem Tod George Floyds hat die Polizei über 180 schwarze Menschen umgebracht. Breonna Taylor, Daunte Wright, Rayshard Brooks, Daniel Prude, Atatiana Jefferson, Janisha Fonville, Eric Garner, Michelle Cusseaux, Tanisha Anderson, Aura Rosser, Stephon Clark, Freddie Gray und Botham Jean sind nur einige Namen der zahllosen Opfer von Polizeigewalt. Diese Art von Gewalt und Rassismus gibt es auch bei uns in Deutschland. Systemischer Rassismus ist auch hier ein Thema, über das gesprochen werden muss und zwar bevor weitere Menschen sterben.

:Augustina Berger