Kommentar: Der Terror in Frankreich wird in den Medien unangemessen behandelt
Besser „Je suis juif“ statt „Je suis Charlie“

Vor kurzem wurde unser Nachbarland von islamistischen Gewalttaten heimgesucht, die seine Gesellschaft schwer getroffen haben. Bei der Berichterstattung hierzu liegen jedoch zwei Dinge im Argen: Zum einen wird die Bedeutung des erneuten antisemitischen Angriffs für die jüdischen EinwohnerInnen nicht hinreichend thematisiert, da der Anschlag auf Charlie Hebdo extrem dominiert. Zum anderen findet eine unkritische Identifikation mit jenem problematischen Satiremagazin statt, obwohl eine allgemeinere Verteidigung der Meinungsfreiheit wesentlich angemessener wäre.

In Frankreich leben etwa eine halbe Million jüdischer Menschen. Zugleich leben dort rund fünf Millionen MuslimInnen. In der Vergangenheit hatten diese Bevölkerungsgruppen ein recht gutes Verhältnis zueinander, zumal sie beide mehrheitlich aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika stammen.

Heute findet sich bei einem Teil der jungen MuslimInnen – vor allem der perspektivlosen Männer – jedoch ein ausgeprägter Antisemitismus, der bei einigen auch mit Gewaltbereitschaft und Islamismus einhergeht. Seit der zweiten palästinensischen Intifada im Jahr 2000 häufen sich antisemitische Vorfälle. Es ist das Verhalten einer deutlichen Minderheit innerhalb der islamischen Bevölkerung, welches das jüdische Leben in Frankreich allerdings erheblich belastet. Zugleich hat sich das Verhältnis der Gesellschaft zur jüdischen Minderheit vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts abgekühlt.

Antisemitischer Terror

Im März 2012 ereignete sich ein besonders schwerwiegender Akt des Hasses: Ein Islamist erschoss in einer jüdischen Schule in Toulouse einen Rabbiner und drei Kinder. 2014 nahm die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Frankreich deutlich zu – und über 7.000 französische Jüdinnen und Juden sind nach Israel ausgewandert, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die am neunten Januar erfolgte Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt in Paris, bei der vier Juden getötet wurden, wird die Angst vor Gewalt und Terror weiter schüren.

Wobei es nicht nur um Frankreich geht: In Belgien wurde vergangene Woche eine islamistische Terrorzelle zerschlagen, die auch Anschläge auf jüdische Schulen geplant hatte. Im Mai 2014 hatte ein Islamist im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschossen. Generell nehmen antisemitische Vorkommnisse auch in Belgien und anderen europäischen Ländern zu.

Solidarität und Meinungsfreiheit

Es wäre also ein wichtiges Zeichen gewesen, wenn viele Menschen als Reaktion auf die Geschehnisse in diesem Monat demonstrativ erklärt hätten: „Ich bin Jude“ oder „Ich bin Jüdin“. Das „Ich bin Charlie“ sollte dagegen kritisch überdacht werden: Handelt es sich bei Charlie Hebdo doch um ein Magazin, das Religionen auch durch plumpe sexuelle Darstellungen ihrer Propheten und Gottheiten angreift. In Bezug auf den Islam gießt das massiv Öl ins Feuer bestehender Konflikte – und nutzt der islamistischen Hetze.

Dennoch ist es richtig, die Meinungsfreiheit generell und entschieden gegen jeglichen Terror zu verteidigen – ob es nun um Karikaturen, Texte, Aussagen oder Demonstrationen geht. Dies bedarf aber keineswegs einer Identifikation mit den entsprechenden Meinungen und ihren VertreterInnen. Und mit bestimmten Positionen sollte man sich auch definitiv nicht identifizieren.

:Gastautor Patrick Henkelmann

 

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