Kritik ohne (r)echte Grundlage
Berichterstattung ohne Inhalt
Bild: CC0
Symbolbild

Es gibt in der breiten Medienlandschaft immer wieder Artikel über die Corona-Impfungen und Hintergründe dazu, die sich nicht an wissenschaftliche Standards halten.  

Jede:r darf Artikel schreiben in diesem wunderschönen und vergleichsweise wenig geimpften Teil der Erde. Wirklich jede:r. Ich ja auch. Auch mir muss man kein Wort glauben und ein Mensch kann mich in Frage stellen. Aber dann machen es doch manche einem:einer leichter als gedacht, das geschriebene Wort zu hinterfragen – oder nicht? 

Ein vieldiskutierter Artikel von der Seite Bell-Tower (Netz für digitale Zivilgesellschaft) versucht zu erklären, warum die Impfquote in Deutschland so gering ist. Ihr Grund dafür ist die anthroposophische Lehre von Rudolf Steiner, allen besser bekannt als der Mensch hinter den Waldorfschulen. Der Artikel beginnt mit Fakten der Financial Times, die die in Deutschland, Österreich und der Schweiz Impfquoten angeben. So weit so gut. Die Financial Times als Quelle zu nehmen, ist weitestgehend angemessen. Doch dann driften sie ein wenig ab und machen die Lehre Steiners zu einem großen Teil verantwortlich für die geringe Impfquote. Was an sich meinetwegen einen Gedanken wert ist, wenn man das möchte, aber wie sie es machen, ist von problematischen Zeilen und Quellen nicht frei. 

Erstmal gibt es eine riesige Einführung in alles von Steiner und seinen Lehren seiner medizinischen Ansichten. Dabei wird nicht verschwiegen, dass er als Antisemit und Rassist bezeichnet werden muss. Weswegen sich in der 2020 überarbeiteten „Stuttgarter Erklärung“ des „Bundes der freien Waldorfschulen“ klar gegen diese Lehren positioniert wird. Denn Waldorfschulen können nicht über diesen Kamm geschert werden und Waldorfschüler:innen sind aufgrund eines rassistischen Gründers nicht von Rassist:innen und Antisemit:innen gespickt. Das hat auch nichts akut mit dem Thema zu tun, aber lässt alles in einem anderen, für den Text hilfreichen Licht einsehen. 

Es gibt Waldorschulen in 70 Ländern und Waldorfkindergärten in 59 Ländern. Der deutschsprachige Raum ist dabei die Hochburg davon. Und in Waldorschulen finde man einen mangelnden Impfschutz, sowie Lehrpersonal, welches zum Beispiel die Maskenpflicht missachte. Ob das auch vielleicht in anderen Schulformen der Fall ist oder an anderen Orten, wird zwar nicht erwähnt, aber wahrscheinlich ist das deshalb auch nicht wichtig. Außerdem ist die Waldorfschule, wie Quelle Bell-Tower selbst, ein beliebter Ort für Rechtsextreme. Darüber wurde schon mal berichtet. 

Dann geht es noch sehr viel um komische Lehren und Behandlungen von Corona-Patient:innen, deren Ausgang zwar nicht berichtet wird, aber die Art und Weise der Behandlung wird deutlich beschrieben. Allgemein endet der Text mit „Vor diesem Hintergrund dürfte es keine Überraschung sein, dass die deutschsprachigen Länder die niedrigsten Impfquoten in Westeuropa haben“. Es dürfte also keine Überraschung sein – aha. Das klingt nach Wissenschaft und investigativem Journalismus, wie ich ihn mag. 

Dagegen gibt es Seiten, die sich mit Peer-Reviews und Grauer-Literatur auseinandersetzen und zeigen, dass eine multikompetente Aufklärung auf Dialogbasis die größtmögliche Chance hat, Impfscheue zu bekämpfen. Hier, auf
pubmed.gov, wird angegeben und zugegeben, dass die Hintergründe für die Unsicherheit des Impfens komplex sind und es nur wenige Evidenzen dafür gibt. Das zeigen angeblich 166 Peer-Reviews und 15 andere Publikationen. Das klingt schon eher glaubwürdig, als „es dürfte keine Überraschung sein“. 

:Lukas Simon Quentin