Artikel über beispiellose Verbrechen übersieht einige Beispiele
Beispielsweise

Wenn man über beispiellose Verbrechen spricht, aus einer westlich-europäischen Perspektive, wäre es sicherlich gut nicht auf jahrhundertelanger Tradition durchaus vergleichbarer Verbrechen zu stehen. 

Die Serie Die größten Verbrechen ist eine Reihe von Artikeln bei RUB-News, der Nachrichtenredaktion unserer Uni. Thema sind hier verschiedenste Verbrechen, immer aus der Sicht eines akademischen Fachbereichs. Wirtschaftsverbrechen, Fragen der Medizinethik und Theologie gehören hier zum Themenbereich. Alles nach folgendem, sich wiederholenden, einleitenden Satz: „Die Geschichte ist voll von beispiellosen Verbrechen.“ Am 19. April erschien ein Artikel, der sich in diesem Kontext mit Grabräuberei in China beschäftigt. Eine der Zwischenüberschriften titelt, durchaus reißerisch interpretierbar „Chinesische Universitäten kaufen Raubgut“. Bei der Vielzahl an Bauprojekten in China besteht die wohl berechtigte Sorge, dass sich um die Sicherung und professionelle Ausgrabung von Denkmälern und historischen Artefakten viel zu wenig gekümmert wird. Außerdem böten chinesische Universitäten oft hohe Summen, die ein weiterer Anreiz für Raubgrabungen seien und dazu führten, dass noch mehr unersetzliche Quellen entwertet werden oder verloren gehen. Genaueres könnt Ihr selbstverständlich im Artikel selbst nachlesen. Doch warum der Fokus auf chinesische Universitäten? Und ist es nicht etwas sonderbar, 

aus einer westlichen und europäischen Perspektive in diesem Fall von einem „beispiellosen Verbrechen“ zu reden? 

Beim Boxeraufstand in China und der darauffolgenden Niederschlagung der Unruhen durch eine Allianz der Kolonialmächte 

um die Jahrtausendwende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurden nicht nur grausame Verbrechen gegen Menschen begangen. Auch wurden Kunst und Kulturgüter geraubt, und landeten auch in Deutschland, wo sie teilweise heute noch stehen. Aufgearbeitet wurde das lange nicht, eher kleingeredet. Erst vor wenigen Jahren wurde es überhaupt als Problematik anerkannt, und Forschungen zur Herkunft von Ausstellungsstücken werden begonnen. Raubkunst ist ein roter Faden, der sich durch die Geschichte des Kolonialismus zieht, und bis heute weigern auch deutsche Museen sich, oder stellen sich möglichst quer, geraubte Stücke zurückzugeben. 

Nicht nur Kunst ist hiervon betroffen, und man muss kein Jahrhundert zurückblicken, um solche Fälle zu finden. Birma-Bernstein – fossilisiertes Baumharz, das für besonders häufige Einschlüsse von kreidezeitlichen Lebewesen bekannt ist – ist ein kontroverses Thema in der Paläontologie. Von Mitte der 90er bis Anfang der 2000er kontrollierte eine kanadische Firma den Abbau, der mittlerweile jedoch immer wieder von Parteien des Bürgerkriegs in Myanmar übernommen wurde. Dass die Quellen fragwürdig waren, war bereits klar, wirkliche Diskussionen um die moralischen Implikationen des Ankaufs von Bernstein aus Myanmar gibt es jedoch erst seit 2020. Bis dahin hatten westliche Forscher:innen und Institutionen scheinbar ohne große Bedenken – vermeintlich im Namen der Wissenschaft – Objekte angekauft. Illegal aus Brasilien exportierte Fossilien landeten in den vergangenen Jahren sowohl in Belgien als auch in einem Karlsruher Museum. Eine Pressesprecherin des Naturkundemuseums in Karlsruhe bezeichnete die daraus resultierende Kritik als „Hetzjagd“, das Museum sieht sich als rechtmäßiger Eigentümer, die Rechtslage in Brasilien macht diesen Standpunkt jedoch mindestens wackelig. Nun soll nichts davon heißen, dass der Umgang mit Raubgut durch chinesische Universitäten kein Problem sei.  

Meinungssache:

„Nichts von alledem mindert die offensichtliche Problematik von Raubkunst in China, und den Umgang dortiger Universitäten damit. Wenn die Verstrickungen europäischer und nordamerikanischer Institutionen und Forscher:innen in ähnliche Praktiken jedoch so offensichtlich ist, und durch die Kolonialmächte so viel Kunst und Kultur geraubt würde, dass wir mehrere Ausgaben unserer Zeitung bräuchten um dem Thema auch nur ansatzweise gerecht zu werden, stellt sich die Frage, wie beispiellos dieses Verbrechen tatsächlich ist.“ 

 

:Jan-Krischan Spohr