Rot-grüne Landesregierung will keinen müden Cent für Archäologie mehr ausgeben
Beerdigung der Ausgrabungen
Foto: Wikimedia Commons / Rainer Halama (CC BY-SA 3.0)
Ruinen der alten Hörder Burg: Ohne archäologische Aufbereitung wäre der Phoenixsee um ein Denkmal ärmer. Foto: Wikimedia Commons / Rainer Halama (CC BY-SA 3.0)
Ruinen der alten Hörder Burg: Ohne archäologische Aufbereitung wäre der Phoenixsee um ein Denkmal ärmer.

Für eine minimale Entlastung des Landeshaushalts setzt die rot-grüne NRW-Regierung das kulturelle Erbe des Bundeslandes aufs Spiel: Ab 2015 sollen Archäologie und Bodendenkmalpflege nicht mehr vom Land unterstützt werden. Wissenschaftler­Innen, StudentInnen und PolitkerInnen zeigen sich öffentlich entsetzt über diese kurzsichtigen Pläne der Regierung. Der Fachschaftsrat Archäologische Wissenschaften der RUB ruft dazu auf, die Petition der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. (DGUF) zu unterstützen.

In den Medien viel zitiert wurde Kulturstaatsminister Bernd Neumanns (CDU) Kritik an den verqueren Versuchen der NRW-Landesregierung, den Haushalt zu konsolidieren: Es handle sich dabei um eine „kulturpolitische Bankrotterklärung“. „Irgendwann erreichen Sparpläne ein unmögliches Maß, und das ist nach unserer Auffassung jetzt der Fall“, sagt Dr. Frank Siegmund, Beiratssprecher der DGUF. Grund der Aufregung und der harten Worte: Der Etat des Bundeslandes zur Bodendenkmalpflege wird bis 2015 gestrichen. Rest- und ersatzlos auf Null.
Bereits zu Beginn dieses Jahres wurde der Archäologie-Etat von 12 auf 10 Mio. Euro gekürzt. Für 2014 ist dann eine Kürzung von fast 70 Prozent auf nur noch 3,3 Mio. Euro geplant. 2015 hat das Land mit Archäologie nichts mehr zu tun.

Denkmal-„Pflege“ – dank Unterfinanzierung ein Euphemismus

Dass die Bodendenkmalpflege auch jetzt schon unterfinanziert ist, sollte jedem/jeder klar sein. Von ‚Pflege‘ kann bei dem, was die LandesarchäologInnen und ihre HelferInnen zurzeit leisten, ohnehin kaum die Rede sein. Zwar sieht das Denkmalschutzgesetz NRW vor, dass die Landschaftsverbände Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR) sowie die Stadt Köln bei archäologischen Arbeiten mit 50 Prozent Kostenübernahme unterstützt werden, doch sind es nach Jahrzehnten der Kürzungen heute nunmehr nur etwa 10 Prozent, die vom Land übernommen werden. Damit sind die LandesarchäologInnen auf die Hilfe zwar qualifizierter, aber unterbezahlter GrabungshelferInnen und ehrenamtlicher HelferInnen angewiesen – selbst bei sogenannten Notgrabungen. Das sind „die Grabungen, die nur durchgeführt werden, damit Bodendenkmäler, die beim Bau entdeckt werden, nicht einfach undokumentiert vernichtet werden“, erklärt Lisa Steinmann vom FSR Archäologische Wissenschaften an der RUB.
Ihre Befürchtungen über die Zukunft der NRW-Archäologie schickt sie gleich hinterher: „Dann werden die Notgrabungen vielleicht nicht mehr möglich sein und Bauherren vielleicht noch ein paar Mal öfter als ohnehin schon beide Augen zudrücken und die Sachen entsorgen.“
Bodendenkmäler werden nämlich immer wieder zufällig auf Baustellen gefunden. Sie sind selbstverständlich meldepflichtig, doch wird immer Mal wieder darüber hinweggesehen. Dass der Vorschlag der Regierung, die BauherrInnen zukünftig an den Grabungskosten zu beteiligen, diesen Missstand nicht verbessern wird, liegt auf der Hand.

Brauchen wir noch meh römische Steine?

Die DGUF initiierte eine Online-Petition gegen die Vorhaben der Landesregierung. Doch auf der Diskussionsseite zur Petition fragt einE ZweiflerIn: „Wie groß ist denn der wissenschaftliche und praktische Mehrwert der letzten 10 Jahre gewesen? Geht es Deutschland schlechter, wenn ein paar alte römsiche Steine nicht entdeckt werden?“ Patrick Könemann, Doktorand an der Leibniz-Graduiertenschule „Rohstoffe, Innovation, Technologie alter Kulturen (RITaK)“ in Bochum schrieb seine Masterarbeit in Ur- und Frühgeschichte über „Gräber der römischen Kaiserzeit von Dortmund-Asseln“. Es handele sich dabei um „das einzige kaiserzeitliche Gräberfeld, welches in der jüngeren Forschungsgeschichte nach dem 2. Weltkrieg entdeckt wurde“, sagt Könemann. Und er liefert ein weiteres Beispiel: Angesichts des industriellen Erbes des Ruhrgebietes wird die mittelalterliche Geschichte der Region oft vergessen. Dabei konnte erst 2007-2008 die Burg von Hörde (gehört heute zu Dortmund) im Rahmen von Notbergungen ausgegraben werden.
Das sind nur zwei Beispiele der jüngeren Forschung und das nur in Dortmund. Zurzeit sind in ganz Nordrhein-Westfalen rund 100.000 Bodendenkmäler bekannt. Wie viele noch gefunden werden und der Dokumentierung und Untersuchung bedürfen, ist unbekannt. „Die archäologische Forschung in den Hochschulen in Deutschland läuft hauptsächlich über die Ergebnisse der Bodendenkmalpflege“, unterstreicht Könemann auch die wissenschaftliche Bedeutung des Mindesten, was die Archäologie tun kann.

Wissenschaft ist kein Selbstzweck

Es geht aber nicht nur um Wissenschaft um ihrer selbst willen. In den Archäologie-Studiengängen wird zwar auch um die berufliche Zukunft gebangt, doch dass es um mehr als das geht, sollte jedem Menschen klar sein. Es geht nämlich darum, so drückt es Lisa Steinmann aus, „zu verhinden, dass das kulturelle Erbe dieses Landes auf den Müll kommt.“
Noch besteht Hoffnung, denn auch SPD-intern wird die Nulldiät noch diskutiert. Manche PolitikerInnen sehen wohl ein, dass eine Einsparung von 0,03 Prozent des Haushalts nur ein Tropfen auf den heißen Stein für die Landesfinanzen, aber eine vernichtende Flutwelle für unser kulturelles Erbe ist.

Mehr Informationen und Link zur Online-Petition:
www.dguf.de

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