Bier und Boden-Dekadenz: Bericht von der Finest Spirits & Beer Convention in der Jahrhunderthalle
Auf der Suche nach der preußischen Monarchie
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Luftige Röcke und jede Menge Whiskey: Auch schottische AnbieterInnen waren mit am Start. – Foto: bent
Luftige Röcke und jede Menge Whiskey: Auch schottische AnbieterInnen waren mit am Start.

Säuferinnen und Säufer der Welt, schaut auf diese Messe: Bochum erliegt der totalen Bier-Apokalypse und die :bsz liefert der Welt das Protokoll dieser ersten Finest Spirits & Beer Convention in Bochum: Warum AmerikanerInnen auf Bier aus Hagen stehen, BochumerInnen nicht nippen können und die preußische Monarchie unauffindbar ist? And what the fuck is Muskelmalz?

Wichtige Fragen sind das, die mich am Eingangsbereich beschäftigen. Erstens:  Lassen die mich jetzt noch so verspätet am akkreditierten Pressetermin (ein Gin-&-Tonic-Tasting, wozu ja schon die investigative Motivation verpflichtet) an der Convention-Bar teilnehmen? Zweite Frage: Bier, Whiskey & Co. aus so vielen Ländern – ja, sogar aus Bayern – ist das nicht zu international für uns BochumerInnen? Die dritte Frage, die ich mir stelle: Wo gibt es hier – für alle Fälle – Moritz-Fiege-Pils? Und es blieb so: Diese internationale Biermesse in Bochum hat mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantwortet hat.

Dann wird mir schnell das zweite Hindernis bewusst: Denn die Jahrhunderthalle gibt sich an diesem Wochenende als mondäne Biergeselligkeit, die Internationale des wählerischen Schlucks ist zu Gast im Ruhrstädtchen und will ihr Gebräu an den Mann und die Frau bringen. Das besonders bei uns Akkreditierten: Ein Button mit der Aufschrift „Fachbesucher“, dazu ein Notizblock für die zu verzapfende Weltliteratur (denn Bukowski habe ich es geschworen) – schon ergibt sich die erste Offenbarung des Abends: Wer wie ein Agent von der Stiftung Warentest aussieht, bekommt sogar als :bsz-Reporter ganz nett wohlfeile Drinks en masse angeboten – in Bochum! Ich gehe der Sache mit investigativem Gespür nach.

Nippen statt Kippen: Herausforderungen für BochumerInnen

Auf dem Weg zu meinem Pressetermin fängt mich dann Lucia (Nachname war dem Redakteur bis zu einem gewissen Alkoholpegel noch bekannt) von einer Kornbrennerei aus Münster ab. Sie will mir natürlich Korn andrehen. Ich drehe ihr jedoch ein kurzes Interview an. Den Korn trinke ich trotzdem. Sie erzählt von dem göttlichen Produktionsprozess des besagten Getränks, dass es kein klassischer Korn sei, da „im Eichenfass gelagert, wodurch das besondere Aroma und die Farbe entsteht“. Während sie die Ware fachkompetent erläutert, versuche ich ebenso kompetent ausschauend am Glas zu nippen. Was aber nicht klappt. Denn viel zu schnell ist das Glas genauso leer wie ihr Gesicht als Reaktion auf meine investigativen Fragen. Wir BochumerInnen, die wir das Fiege-Pils schon mit der Muttermilch bekommen haben, können halt nicht eloquent nippen, sondern nur brutal wegkippen – Feierabendritual trotz anhaltender, zäher journalistischer Arbeit eben.

Denn es geht weiter: Der Pressetermin ist zwar schon genauso Geschichte wie unzählige Bierproben an diesem Abend, aber in einem separierten Bereich findet hinter verschlossenen Vorhängen ein Vortrag mit dem Titel „Bierkompass – Importeur und ‚Macher‘ der Craft Beer-Avantgarde“ statt. Auch der hat schon angefangen, ich stecke einfach meinen Kopf durch die Vorhänge. Die Security-Menschen finden das nicht so toll und verscheuchen mich ganz dezent.

Jetzt habe ich aber auch meine eigene avantgardistische Mission: In einer Auswahl auf einem Zettel steht ein Bier namens The Monarchy Preußen aufgelistet. Das will ich haben. Nur kann ich es nicht finden – und keiner weiß mehr als ich. Irgendwann frage ich eine Drei-Meter-Türsteher-Kante, die wie Dolph Lundgren (in den 80ern, also vor „The Expendables“) aussieht. Er bückt sich die paar Meter zu mir runter und zuckt müde die Schultern. Jetzt komme ich mir vor wie in Kafkas „Vor dem Gesetz“ – dieses Bier ist nur für mich gedacht! An diesem Abend werde ich es nicht mehr finden.

Das Geheimnis hinter dem Begriff Muskelmalz

Zwischen all den Proben braucht man aber auch gesunde Grundernährung. Daher halte ich Ausschau nach Fiege-Pils. Als ich es entdeckt habe, bleibe ich jedoch an einem Bierstand mit der Aufschrift „Muskelmalz“ hängen. Jetzt möchte ich unbedingt wissen, was es damit auf sich hat. Ich zücke wieder meinen Notizblock und horche bei den Leuten hinter der Theke so elegant-neurig nach der Bedeutung des Begriffs nach, wie es Markus Lanz bezüglich des Paradieses täte, wenn jemand vom IS auf seiner Couch säße: Der Brauer hinter der Theke zieht für eine Weile die Stirn zusammen, um nachzudenken. Dann löst er das Rätsel: „Ist mir einfach eingefallen. Wir haben Hopfen und Malz und alles wird per Hand gemacht, was ja anstrengend ist. Dann bot sich der Name an.“

Die Antwort hat mich so enttäuscht, dass ich dann wirklich ein Fiege brauche. Und auf dem Weg dorthin wieder hängen bleibe: Diesmal an einem Stand der Vormann-Brauerei aus Hagen. Dort trinke ich ein Pils, das, wie mir Henning am Zapfhahn offenbart, „32 Biteinheiten“ hat; „das Herbste, was es gibt.“ Fiege kann eine Weile warten. Übrigens hat Vormann, bevor er in Hagen die Konkurrenz schuf, bei Fiege die Kunst der Brauerei gelernt. Die meisten kennen die Marke Vormann gar nicht, aber Henning weiß: „Viel geht nach Amerika.“ „Wirklich? Warum ist das so?“, fragt Markus Lanz nach. „Es sind die fruchtigen Sorten, die wir haben. Ansonsten wüsste ich auch nicht, warum die Amis so drauf abgehen würden“, so Henning. Direkt nach dem Interview ist auch Schluss mit dem Messeabend. Nicht ganz unzufrieden schlendere ich in den Bochumer Oktoberabend. Hinter mir schließen sich die Tore der Jahrhunderthalle. Wieder stellt sich mir eine Frage: Wo bekomme ich denn jetzt am besten ein Fiege her?

:Benjamin Trilling

 

Luftige Röcke und jede Menge Whiskey: Auch schottische AnbieterInnen waren mit am Start – Foto: bent