Wenn Sprinten politisch wird
Auch vor Sport macht Politik keinen Halt
Bild: Belarus sprinter given Polish humanitarian visa - BBC News // https://www.youtube.com/watch?v=QIZllU2N53o&t=226s
Kristina Timanowskaja am Flughafen – doch die Reise geht nicht zurück in ihre Heimat.

Kommentar. Die belarusische Sprinterin Kristina Timanowskaja kritisiert öffentlich ihre Trainer:innen, kurze Zeit später erhält sie in Polen Asyl. Eine sportliche Handlung wird politisch. 

„Dass das solche Ausmaße annehmen und zu einem politischen Skandal werden kann, hätte ich nie gedacht“, so die belarusische Sprinterin Kristina Timanowskaja. Der politische Skandal, der sich während ihrer Zeit bei den Olympischen Sommerspielen 2021 entwickelte, geht um die Welt. Dabei ist der Auslöser nicht einmal politischer Natur. Nachdem der belarusische Leichtathletiker:innenverband nicht genügend Dopingkontrollen für seine Athlet:innen sicherstellen konnte, wurde Timanowskaja gezwungen, am 4x400-Rennen teilzunehmen. Mit dieser Entscheidung stimmt die Athletin nicht überein: „Ich hätte nie so harsch reagiert, wenn man mir das vorher sagt, die ganze Situation erklärt und gefragt hätte, ob ich 400 m laufen kann. Aber sie haben sich entschieden, alles hinter meinem Rücken zu machen.“ Die Sprinterin kritisiert die Entscheidung ihrer Trainer:innen öffentlich in einem mittlerweile gelöschten Video auf Instagram. Aufgrund dessen wird die sie unter Druck gesetzt und man will sie gegen ihren Willen außer Landes bringen. Am Abend vor ihrer Abreise droht ihr Trainer, dass sie ernsthafte Probleme erwarten würden. Am nächsten Tag wird sie zum Flughafen gebracht, wo sich Timanowskaja an die japanische Polizei wendet. Auch bittet sie das Internationale Olympisches Komitee (IOC) um Hilfe. Polen bietet ihr als erstes Land Asyl an, das sie annimmt und von Tokio über Wien nach Polen fliegt. Auch ihr Mann flieht aus Belarus zuerst in die Ukraine, mittlerweile wurde auch ihm ein humanitäres Visum in Polen angeboten. Das NOK Belarus begründet seine Entscheidung mit der Aussage, dass sie „aufgrund ihres emotionalen und psychischen Zustands von den Olympischen Spielen abgezogen“ wird. 
In einem Reuters-Interview erzählt die Sportlerin von einem Telefonat auf ihrem Weg zum Flughafen, kurz bevor sie die Entscheidung traf, sich bei der japanischen Polizei Hilfe zu suchen: „Meine Eltern kamen zu dem Entschluss, dass ich nach meiner Rückkehr nach Hause entweder in eine psychiatrische Anstalt oder ins Gefängnis kommen würde. […] Deshalb rief mich meine Großmutter an und sagte mir ‚bitte komme nicht zurück nach Belarus, hier ist es nicht sicher für dich‘“. 
Dass eine Sportlerin aufgrund von Kritik an ihren Trainer:innen nicht mehr in ihr Heimatland zurückreisen kann, sorgt nicht nur in der Sportwelt für einen Aufschrei. Auch zeigte sich Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki erzürnt, versicherte dem belarusischen Volk „wir lassen euch nicht allein“. Jedoch müssen gerade belarusische Sportler:innen mit Druck kämpfen, der nicht nur sportlicher Natur ist. Alexander Lukaschenko übt auch politischen Druck auf die olympischen Athlet:innen aus: „Wenn es keine Erfolge in Tokio gibt, wird kein […] Betreuer weiter im Amt bleiben. Also denkt darüber vorher nach, ob es sich für euch lohnt […] überhaupt hinzufahren. Denn wenn ihr da nur als Touristen hinfahrt und wenn nichts zurückkommt, dann kommt gar nicht wieder nach Belarus.“ Es überrascht nicht, dass Lukaschenkos Macht auch bis in den Sport hineinreicht, denn er war zwei Jahrzehnte lang Vorsitzender des NOK Belarus. Zumindest so lange bis er von der IOC sanktioniert wurde – seit Februar hat sein Sohn Viktor den Posten übernommen. 
Das IOC sagt der Sprinterin Unterstützung zu und leitete ein Untersuchungsverfahren ein. Mittlerweile wurden zwei belarusischen Trainern die Akkreditierung entzogen und sie mussten das olympische Dorf verlassen. 

:Augustina Berger