Junge AutorInnen kapern KulturCafé und Freibad
All You Can Read
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Wortakrobat Philipp Dorok liest aus der Pandora-Anthologie der Gruppe Treibgut. Foto: mar
Wortakrobat Philipp Dorok liest aus der Pandora-Anthologie der Gruppe Treibgut.

Wenn in Bochum Treibgut strandet und Piranhas gesichtet werden, ist weder die Ruhr übers Ufer getreten noch der Metaphernbogen überspannt. Trockenen Fußes und literarisch ambitioniert läuft in dieser Woche die 33. Auflage der Lesereihe „Gestrandet“ über die Bühne – ein Projekt der 2002 gegründeten jungen Literaturinitiative „Treibgut“. Unter dem Motto „Ruhrpiranhas – All you can read“ wird bei der Doppellesung am 5. und 9. Juni gegessen, was auf den Tisch kommt. Und das kann sich sehen lassen: Mit vielen AutorInnen, einer Erstlings-Präsentation, Dauer-Zeichen-Performance und Liedermacher-Support ist für jeden Geschmack was dabei.

Los geht’s am Mittwoch (5. Juni) im  Treibgut-Heimathafen, dem KulturCafé an der RUB. Hier ist die Bühne ab 20.00 Uhr nicht nur für das Treibgut-Trio Antonia Rumpf, Felicitas Friedrich und Caroline Königs freigegeben – sondern auch für ganz neue Campus-AutorInnen. Gelesen wird nach dem Open-Stage-Prinzip. Unterstützt werden Alteingesessene und NewcomerInnen von der RUB-Alumna und ehemaligen ZFA-Dozentin Karin Krick. Die studierte Skandinavistin gehört neben Erfolgsautor Oliver Uschmann zu den Treibgut-MitbegründerInnen. Sie war jeweils mit einem Text in den Treibgut-Anthologien zum fünf-  bzw. zehnjährigen Bestehen der Gruppe „42 Spuren am Strand“ (2007) sowie „Pandoras Büchsenöffner“ (2012) vertreten.

Zwischen Celan und Ginsberg

„Bei meinen Texten handelt es sich um Lyrik und nicht – wie oft fälschlich behauptet – um Prosa, die schwer einzuordnen ist“, so Krick. „Diese bewegt sich in alten Dichtertraditionen, zwischen Paul Celan und Allen Ginsberg, und man muss schon den Mund halten, die Ohren und den Geist öffnen, wenn ich lese“, mahnt die Autorin. Während Krick für Ausstellungen in Deutschland und den Niederlanden auch gerne mal mit bildenden KünstlerInnen zusammenarbeitet, findet man sie auf Slams und „normalen“ Lesungen nur selten.
Slam-, besser gesagt Song-Slam-erfahren hingegen ist der Dortmunder Liedermacher Hannes Weyland. Wie in den Hafenkneipen des Reviers gerockt wird, zeigte er höchst erfolgreich im rappelvollen Frankfurter zoom! – am Mittwochabend spielt er außer Konkurrenz.
Und wer den Hals nicht voll kriegt, auf die/den wartet am Sonntag (9. Juni) um 20.00 Uhr im Freibad Gang zwei: Mit Treibgut-Urgestein Uli Schröder und Marek Firlej möchten an diesem Abend auch zwei :bsz-Redakteure ihr literarisches Talent präsentieren. Marek schwimmt seit einem halben Jahr bei Treibgut mit und machte erste Bochumer Gehversuche auf der Open Stage eines Gestrandet-Abends. Für Sonntag hat der Germanistikstudent Altbewährtes wie Neues eingepackt. Und er verrät vorab: Es geht um „krebserregende Stoffe – Würstchen nicht ausgeschlossen – und Heavy Metal, grööl!“.  

Metropolensatire

Uli wird dem texthungrigen Publikum seinen frisch erschienenen 180-seitigen Erstling „Ruhrpiranhas – Metropolensatire“ zum Fraß vorwerfen. 38 thematisch zusammenhängende Kurzgeschichten versprechen: bissige Kulturhauptstadt-Kritik, exorbitantes Exzellenzinitiativen-Bashing und kafkaeske Überwachungswahn-Grotesken. „In vielen der satirischen Texte geht es um eine Ästhetik des Scheiterns megalomaner Gesellschaftsentwürfe auf globaler wie regionaler Ebene. So brechen in der Titelgeschichte das „Worldwide Wetweb“ sowie ein „Global Genetic Generator“ zusammen: Milliarden per Hirnports vernetzte Gehirne und damit das kollektive Menschheitsgedächtnis werden per Funkmail-Virus auf einen Schlag gelöscht – ein Backup gibt es nicht; zudem geraten genetische Informationen gänzlich außer Kontrolle und archaische Tier- und Pflanzenarten bevölkern nach dem globalen Super-GAU die Ruhrauen, wo der Klon eines ehemaligen grünen Außenministers mit seinem Einbaum strandet“, lässt der promovierte Skandinavist mit einem Hang zur postapokalyptischen Dramatisierung vorausblicken.

Auf dem Sprung zu Bochum Total

Weiter werden der Wahl-Bochumer Julius Kühn, Satiriker, Slam-Poet und Germanistikdozent Philipp Dorok, Tim Kollande und Jules Piel, die auch einen musikalischen Beitrag liefert, auftreten. „Ich möchte dem Publikum einige Songs über die Liebe – ein typisches Thema der Popmusik – und ein oder zwei Erzählungen über meine Beob­achtungen der Dinge, die Menschen in ihrem Leben begleiten, berühren, bedrücken und/oder beleben, mitgeben“, sagt Piel. Die Darbietung ist auch eine kleine Generalprobe für Jules’ Bochum-Total-Auftritt am 14. Juli, auf den sie sich schon unglaublich freut. Buchcover-Designer Michael Holtschulte, der unter anderem als Karikaturist für die Süddeutsche Zeitung tätig ist, wird die Treibgut-AutorInnen mit einer Dauer-Zeichen-Performance unterstützen.

Treibgut: Gestrandet 33,
Ruhrpiranhas: All you can read
Teil I: 5. Juni, 20 Uhr (Einlass: 19.30 Uhr), KulturCafé, Ruhr-Uni Bochum, Universitätsstraße 150

Teil II: 9. Juni, 20 Uhr (Einlass: 19.30 Uhr), Freibad Bochum, Clemensstraße 2
Eintritt: jeweils 3 Euro
Weitere Infos im Internet unter:
treibgutliteratur.wordpress.com