Nach „Soul Kitchen“ oder „Tschick“ der neue Streifen von Fatih Akin: „Aus dem Nichts“
Akins Interpretation des NSU-Terrors
Bild: Warner Bros
Glücklich verheiratet: Aber der NSU-Terror reißt in Fatih Akins neuem Film „Aus dem Nichts“ die Familie auseinander. Bild: Warner Bros
Glücklich verheiratet: Aber der NSU-Terror reißt in Fatih Akins neuem Film „Aus dem Nichts“ die Familie auseinander.

Film. Fatih Akins „Aus dem Nichts“ soll als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen gehen – und das nicht ohne Grund. Ein Film über das Leid einer Witwe in drei Akten.

Nuri Sekerci (Numan Acar), wegen Drogenhandels inhaftiert, hat im Gefängnis BWL studiert und dort seine Freundin Katja (Diane Kruger) geheiratet. Nach seiner Entlassung eröffnet der Kurde ein Übersetzungsbüro in Hamburg – in einem Viertel, das überwiegend von türkischstämmigen Menschen bewohnt wird. Wie der Filmtitel bereits andeutet, verliert Katja bei einem Nagelbombenanschlag nicht nur ihren Mann, sondern auch den gemeinsamen sechsjährigen Sohn Rocco (Rafael Santana) wie aus dem Nichts.

Aufgrund von Nuris krimineller Vergangenheit gehen die PolizeibeamtInnen zunächst von einem Racheakt im Drogenmilieu aus. Sie gehen nur wenig auf Katja ein, die einen fremdenfeindlichen Hintergrund vermutet. Ihr ist eine junge Frau in Erinnerung geblieben, die ein brandneues Fahrrad vor Nuris Büro abgestellt hat. Die Polizei erstellt ein Phantombild: Letztendlich werden André und Edda Möller (Ulrich Friederich Brandhoff und Hanna Hilsdorf), ein Neonazi-Ehepaar, verhaftet und wegen Mordes angeklagt.

Der Kinosaal leidet mit

„Aus dem Nichts“ ist ein zutiefst intimer, authentischer Film, der wütend macht. Im Vordergrund stehen nicht Hollywood-Schönheiten, sondern die Hinterbliebenen der NSU-Verbrechen. Der Regisseur orientiert seinen Plot ganz explizit an einem Opfer, das endlich Gerechtigkeit bekommen soll. Glücklicherweise scheitert Fatih Akin nicht an der lauernden Oberflächlichkeit des Sujets: Die Kameraeinstellungen sind dynamisch und durchdringend – ein Film, der wahrhaft unter die Haut geht. 

Katja wird zur Identifikationsfigur und zum Zentrum der Gefühle: Man trauert und leidet mit ihr. Filmisch erfährt das Thema eine zielorientierte Inszenierung: Beispielsweise wurde die Besetzung so gewählt, dass die Identifikation mit den Leidtragenden verallgemeinerbar wird. 

Während die Ermittlungen und der Gerichtsprozess um Katja herum stattfinden, hat sie selbst mit ihrem Verlust zu kämpfen. Auch im Gerichtssaal wird der Fokus auf Katjas Gefühle gelegt. Als eine Gutachterin detailliert die tödlichen Verletzungen auflistet, die ihre Familienmitglieder bei dem Anschlag erlitten haben, zerbricht Katja emotional: Kruger zeigt ihr Können. 

Den Hinterbliebenen gewidmet 

„Aus dem Nichts“ ist kein primär politischer Film, auch wenn der Regisseur deutlich seine Kritik an den Ermittlungen und den Prozessverfahren zu den NSU-Anschlägen im Film darstellt. Vielmehr gehe es Akin zufolge um die Stufen des Schmerzes, die jemand durchmacht, der/die seine/ihre Angehörigen verliert: wie sich dieser Schmerz zunächst in Ohnmacht, dann in Wut und schließlich wieder in Gewalt verwandele, wie er der „Zeit“ in einem Interview erklärt. Bei Anschlägen wollen alle nur wissen, wer die Tat begangen hat. Von den Opfern hingegen erfahre man kaum etwas. Aus diesem Grund habe er seinen Film Hinterbliebenen gewidmet.

Akin versteht es glänzend, durch seine fiktionale Interpretation von realen Geschehnissen die Abscheulichkeit des NSU-Terrors in Erinnerung zu rufen. „Aus dem Nichts“ ist ein künstlerisch wertvoller Film, der sich auch zum mehrmaligen Anschauen eignet und durchaus einen Oscar verdient hätte.     

:Katharina Cygan