Lesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre
Action und Archivierung
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Die Lesebühne wie ein Popstar rocken: Benjamin von Stuckrad-Barres Auftritt in der Zeche Bochum. Foto: bent
Die Lesebühne wie ein Popstar rocken: Benjamin von Stuckrad-Barres Auftritt in der Zeche Bochum.

Literatur. Oasis, Drogen, Instagram: Benjamin von Stuckrad-Barre inszeniert seine Lesung am 11. April in der Zeche Bochum als Happening. 

Oasis spielte schon immer eine wichtige Rolle im Werk von Benjamin von Stuckrad-Barre: Da geht es um Pop-Sampling und Fan-Begeisterung, Konsum und Koketterie. Wie in seinem bekannten Roman „Soloalbum“, in der die Platten der Brit-Pop-Band dem Protagonisten helfen, seinen Liebeskummer zu überwinden. Auch der Abend in der Bochumer Zeche, wo Benjamin von Stuckrad-Barre auf seiner Deutschland-Lesetour einen Halt gemacht hat, beginnt gleich mit Oasis-Frontmann Noel Gallagher. Genauer mit einer Flagge, die der Fan auf dem letzten Konzert geschenkt bekam und die er um das Pult spannt, bevor die Lesung beginnen kann. Oder auch nicht. 

Denn von Stuckrad-Barre, einst Gag-Schreiber von Harald-Schmidt und Moderator eigener Late-Night-Show-Formate, versteht es, aus der Lesung ein Happening zu inszenieren. Daher wird kurzerhand das Publikum auf die Bühne gelotst, das der Popliterat für ein Instagram-Foto dirigiert; später das Smartphone angeschmissen, um den neuen Tocotronic-Song „Hey Du“ mitzuträllern; oder mit dem eigenen Drogen-Konsum kokettiert.

Viel Promigedöns

Denn den Entzug sowie seine Alkohol- und Kokainsucht hat er einst öffentlich zur Schau gestellt. Thema war es auch in seinem letzten autobiographischen Roman „Panikherz“.Sein neuer Remix-Band mit dem umständlichen Titel „Ich glaub, mir geht‘s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ , aus dem er an diesem Abend las, setzt dagegen eine Tradition der Popliteratur fort: Diskurs- und Gegenwartserkundungen, Pop- und TV-Trash-Archivierungen. Und viel Promigedöns. Boris Becker oder Helmut Dietl werden da genauso scharfsinnig wie pointiert porträtiert wie Jürgen Fliege oder die Atmosphäre des WM-Sommers 2010. Das macht dieses Buch aus: Es fängt diesen Zeitgeist, diese Figuren (wer kennt etwa noch Guido Westerwelle?) ein wie ein Archivar. 

:Benjamin Trilling

„Ich glaub, mir geht‘s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“, Benjamin von Stuckrad-Barre, 320 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 16,90 Euro.