Einspruch führt zur Aufschiebung
Abschiebung trotz Kindeswohlgefährdung
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Seit sechs Jahren ist Bochum die Heimat der Destanovs – hoffentlich bleibt das so.

Bleiberecht. Seit 6 Jahren lebt die Familie Destanov in Bochum. Jetzt soll sie nach Nordmazedonien abgeschoben werden – obwohl der jüngste Sohn schwerkrank ist.

Vor sechs Jahren floh die fünfköpfige Familie Destanov von Nordmazedonien nach Bochum. Die drei Kinder haben den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht, sind fest in Bochum verankert und gehen hier zur Schule. Der fünfjährige Sohn Raxmah leidet an Apnoe-Attacken – Aussetzern in der Atmung – und einer Herzerkrankung. Er benötigt intensive ärztliche Betreuung, was bis jetzt die Abschiebung der Familie verhinderte. Doch weil die Bochumer Ausländerbehörde ihren Asylantrag abgelehnt hat, sollen er, seine zwei älteren Geschwister und seine Eltern Deutschland jetzt verlassen. 2014 wurden die Balkanstaaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt, doch es ist mehr als fragwürdig, ob Nordmazedonien für die Familie als sicher einzustufen ist. Als Roma sind sie dort massiver rassistischer Diskriminierung ausgesetzt und vom Gesundheits- und Schulsystem ausgeschlossen. Gerade der fehlende Zugang zur ärztlichen Versorgung könnte Raxmah zum Verhängnis werden, auch, weil der Familie das Geld für die notwendige Behandlung fehlt. Ausschlaggebend für die Flucht war es, dass das Haus der Familie angezündet wurde, wie der Vater Emran der WAZ erklärte. Die Sicherheit der fünf Bochumer:innen und Raxmahs Überleben sind kein Grund für die Stadt Bochum, eine dauerhafte Bleibeperspektive in Aussicht zu stellen. 

Gerade werden sie von der Refugee Law Clinic betreut, einer studentischer Initiative, die Rechtsberatung für Geflüchtete anbietet. Denn ob sie wirklich gehen müssen, ist noch längst nicht klar. Gerade ist gegen den Abschiebebescheid Einspruch eingelegt worden. „Die Ausländerbehörde muss ihre Entscheidung überdenken. Normalerweise zeigt sich, dass noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“ sagt Carla Scheytt von der Seebrücke Bochum. Deswegen fordert ihre Organisation in einem offenen Brief die Stadt Bochum dazu auf, alle Handlungsoptionen für ein Bleiberecht der Familie zu nutzen. Mittlerweile wird der Aufruf von 18 Initiativen des gesellschaftlichen Lebens unterstützt, unter anderem von der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum e.V., dem Worldbeatclub Tanzen e.V. sowie dem Kinder- und Jugendring e.V. Eigentlich sollte der Flieger, der die Detanovs zurückbringen sollte, bereits letzte Woche, am 01.06 gehen. Solange der Einspruch der Refugee Law Clinic läuft, hat die Familie eine Atempause. Ob es Grund zur Hoffnung gibt, steht jedoch noch nicht fest. „Die Öffentlichkeit muss weiter ein Auge auf dem Fall haben.“ sagt Carla Scheytt. Doch selbst, wenn die Destanovs bleiben dürfen gibt es zahlreiche Familien, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. In Bochum leben über 450 Menschen mit Duldungsstatus. Das bedeutet, dass sie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, weil sie Deutschland nicht verlassen dürfen. Damit werden ihre Menschenrechte massiv beschnitten – und das teilweise über Jahre. „Der Fall der Familie Destanov steht exemplarisch für viele geduldete Bochumer Familien, die von Abschiebung bedroht sind und nachts nicht schlafen können.“ erklärt Carla Scheytt. Glücklich ist die Seebrücke jedoch über die große Solidarität, die sich gerade für die Familie formiert. Viele Bochumer:innen zeigten seit Bekanntwerden des Falles, dass sie mit der Abschiebung alles andere als einverstanden sind.                     

  :Jennifer Ganster