Kalte Hochöfen und erhitzte Gemüter
7.000 demonstrieren gegen Thyssen-Fusion
Foto: Sebastian Weiermann CC-BY SA 2.0
Mit der Glocke voran: In Bochum wurde der Arbeitskampf eingeläutet.  Foto: Sebastian Weiermann CC-BY SA 2.0
Mit der Glocke voran: In Bochum wurde der Arbeitskampf eingeläutet.

Arbeitskampf. In Bochum blieben am vergangenen Freitag die Hochöfen bei ThyssenKrupp am Westpark kalt. Der Kampf um die Erhaltung von Arbeitsplätzen wurde eingeläutet. Bis zu 2.000 Stellen sind durch die Fusion gefährdet.

Und dieses Einläuten nimmt man in Bochum ernst. Zum Schlage der Bochumer Glocke – selbstredend nicht das historische Modell vor dem Rathaus – zogen 7.000 StahlarbeiterInnen vom Werkstor bis zum Colosseum, dem Platz unterhalb des Westparks an der Alleestraße. Die Gewerkschaft IG Metall rief zur Kundgebung gegen die Fusionierungspläne des Stahlkonzerns mit dem indischen Konzern Tata Steel. Und diese Pläne haben es in sich: Verlegung des Konzernsitzes in die Niederlande, der Wegfall von 2.000 Stellen und Standortgefahr für mehrere deutsche Werke. Gerade in Bochum kennt man sich mit Arbeitsplatz- und Standortgefährdung in der Großindustrie aus, also wundert die Wahl des Kundgebungsortes wenig. Und so sind tausende ArbeiterInnen gekommen, um ihren Unmut über die Essener Konzernspitze, aber auch ihre Solidarität mit den von Arbeitslosigkeit bedrohten KollegInnen zu demonstrieren.

Arbeitskampf und Grundsatzfragen

Die Liste der RednerInnen bei der Abschlusskundgebung am Colosseum war eben so lang wie prominent, denn neben GewerkschaftsvertreterInnen nutzte auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) den Anlass, um den Anspruch der SPD als Partei der ArbeitnehmerInnen so kurz vor der Bundestagswahl noch einmal zu stärken. Doch auch die Lokalpolitik und sogar Mitglieder der schwarz-gelben Landesregierung ließen sich auf der und um die extra bereitgestellte Bühne blicken. Der Kanon war größtenteils derselbe: Fusion auf Kosten der ArbeiterInnen können so nicht geduldet werden, zumal sich die Konzernspitze so aktiv gegen das Montan-Mitbestimmungsgesetz von 1951 wendet. Dieses Gesetz sieht vor, dass Aufsichtsräte von Kohle und Stahl produzierenden Betrieben ab einer Betriebsgröße von 1.000 MitarbeiterInnen von ArbeitgeberInnen- und ArbeitnehmerInnenseite in Vollparität besetzt sein müssen. Ohne eine Mehrheit im Aufsichtsrat sind Schritte wie die nun geplante Fusionierung nicht rechtmäßig. Dies macht auch Karl-Josef Laumann (CDU), NRW Arbeitsminister deutlich: „Wir sind hier im Bereich der Montanmitbestimmung und das kann man nicht gegen die Belegschaften, sondern muss man mit den Belegschaften entscheiden.“

Weit kämpferischer gibt sich Andrea Nahles auf der Bühne. „Ihr seid nicht an der ganzen Kacke von Thyssenkrupp schuld!“, ruft sie den anwesenden ArbeiterInnen zu. Auch einen Seitenhieb gegen NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet konnte sie sich nicht verkneifen: „Herr Laschet soll um die Montanmitbestimmung kämpfen“, sagte Nahles.

Wie geht es weiter?

Die Zukunft des Stahlstandorts NRW ist unsicher. Nachdem im Juli bereits der Wegfall von 1.250 Stellen bekannt gegeben wurde, folgte die nächste Hiobsbotschaft für die Belegschaft.

Die Mitglieder des Betriebsrats befürchten, dass die nun angekündigten Stellenstreichungen nur die Spitze des Eisbergs seien. Gefordert werden Standortgarantie und vor allem die Einhaltung des Mitbestimmungsrechts. Dabei sieht die Zukunft – vor allem für die Bochumer Standorte – alles andere als rosig aus. Doch das wollen die StahlarbeiterInnen nicht zulassen: weitere Demonstrationen seien schon geplant.

:Justinian L. Mantoan