Zollverein-Werksschlosser hält Kohlentraum lebendig
40 Jahre Brennen fürs Revier
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Einer der letzten Kumpel auf Zollverein: Für Peter Thiemann ist der Abbauhammer nur noch ein Vorzeige-Requisit. Foto: USch
Einer der letzten Kumpel auf Zollverein: Für Peter Thiemann ist der Abbauhammer nur noch ein Vorzeige-Requisit.

Feuer und Flamme für das schwarze Gold ist Peter Thiemann noch heute. Wenn der 54-jährige ehemalige Schlosser auf der Essener Zeche Zollverein nunmehr über zwanzig Jahre nach der Werksschließung vor den mit Kokskohle beladenen Waggons in der Kohlenwäsche steht, geht ihm das Herz auf: „Wir hätten noch für gut 400 Jahre Energie“, sagt Thiemann bei einer Werksführung Ende Juli nicht ohne Stolz. Noch immer ist er voller Unverständnis über die Schließung der einst „größten und modernsten Schachtanlage der Welt“ 1986 sowie der Kokerei Zollverein 1993, die zeitweise als führend in Europa galt. 1975 hatte der Werksschlosser auf Zollverein seine Lehre begonnen und leitet heute geführte Touren auf dem Zechengelände, das vor 13 Jahren zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Ein Traumberuf?

Tatsächlich gehört Peter Thiemann zu einer kleinen Minderheit ehemaliger Kumpel, denen die wirtschaftliche Globalisierung eine neue Perspektive innerhalb ihres ursprünglichen Berufsfeldes verschafft hat. Nur rund zehn Prozent der Werksführer sind jedoch noch Originale. Peter Thiemanns Enthusiasmus jedenfalls ist ungebrochen. Während er immer noch für seine Sache brennt, sind die Öfen der Kokerei bereits seit 21 Jahren erloschen.

Koksboom in China

Begründet wurde die Stilllegung der Kokerei, wo nach ihrem Ausbau 1973 täglich etwa 8.000 Tonnen Koks produziert wurden, mit der „Stahlkrise“ Anfang der 1990er Jahre. In Dortmund dagegen blieben die Hochöfen in der Hoffnung auf bessere Zeiten vorläufig heiß: So wurde auf dem Gelände der Westfalenhütte der Thyssen-Krupp-AG nach fünfjähriger Planungs- und Bauzeit im Dezember 1992 Kaiserstuhl III in Betrieb genommen – eine Anlage, die Zollverein kurz vor der Schließung als modernste Kokerei Europas ablösen sollte. Nach nur achtjähriger Betriebszeit mit einer täglichen Produktion von 5.600 Tonnen Koks wurde Kaiserstuhl jedoch angesichts des sinkenden Weltmarktpreises für die Edelkohle nach China verkauft und bis 2006 in der Provinz Shandong im Nordosten Chinas wiederaufgebaut. Angesichts eines im Zeichen des chinesischen Wirtschaftsbooms seit 2003 wieder stark steigenden Kokspreises erwies sich der Verkauf des Werks auch ökonomisch als fragwürdig.

Blühende Landschaften im Revier?

Der Kokerei Zollverein blieb ein solches Schicksal erspart – bereits in Verhandlung begriffene Verträge mit chinesischen Interessenten kamen letztendlich nicht zustande. Neben der Zeche, einer architektonisch vorbildlichen „Schachtanlage aus einem Guss“, wie Peter Thiemann sagt, steht die Kokerei seit 2001 ebenfalls als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. Während über den industriellen Ballungsräumen im Nordosten Chinas vielerorts dicke Luft herrscht und Smog an der Tagesordnung ist, genießt Peter Thiemann an seiner alten Arbeitsstätte nun den blauen Himmel über der Ruhr.

Doch auch die neue Tätigkeit hat Spuren bei dem ehemaligen Schlosser hinterlassen: Etwas ungelenk wirkt es, als der Werksführer, dem ein kleines Bäuchlein anzusehen ist, einen zwölf Kilo schweren Abbauhammer herumreicht. Auf die Frage, wie es denn seinen ehemaligen Kumpels ginge, die vor über zwei Jahrzehnten ihren Job auf Zollverein verloren, antwortet Thiemann ausweichend: Die Abwicklung der Zechen im Ruhrgebiet sei „durchweg sozialverträglich durchgeführt“ worden.

Was bleibt? Vielleicht ein sommerlicher Ausflug zum Werksschwimmbad oder zum Open-Air-Kino auf Zollverein. Oder eine geführte Tour beim Zollvereinfest Ende September – vielleicht ja mit Peter Thiemann, der sicherlich immer noch für den Bergbau brennen wird, wenn auf der letzten Zeche im Ruhrgebiet 2018 die Lichter ausgehen.