Armenischer Kulturherbst holt faszinierende Kultur nach Bochum – und arbeitet Geschichte auf
„Wir leben noch, wir schöpfen und tanzen“
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„Kaukasische Brudervölker“: Hier tanzt das armenische Ensemble einen ossetischen Tanz. Foto: mar
„Kaukasische Brudervölker“: Hier tanzt das armenische Ensemble einen ossetischen Tanz.

Ohne den Sommer verfrüht nach Hause schicken zu wollen, startete am vergangenen Wochenende der Armenische Kulturherbst in Bochum mit zwei aufregenden, sehenswerten und mehr als gut besuchten Folkloreveranstaltungen. Auf diese fröhlichen Rhythmen folgen durchaus ernste wissenschaftliche Diskussionen und weitere Veranstaltungen. Dabei immer wieder Thema: Der Völkermord an den ArmenierInnen, der sich 2015 zum 100. Mal jährt.

Es ist die erste Veranstaltungsreihe dieser Art in Bochum, aber auf keinen Fall die letzte. Auf den Armenischen Kulturherbst soll schon nächstes Jahr der Armenische Kulturfrühling folgen, erzählt Azat Ordukhanyan, der Vorsitzende des Armenisch-akademischen Vereins 1860 e. V. Dass es einen solchen wirklich geben wird, steht wohl angesichts dieses überaus erfolgreichen Eröffnungswochenendes außer Frage: „Das Haus war voll. Wir mussten Stühle dazustellen“, erzählt Rita Jobs vom Förderverein Haus Kemnade vom Eröffnungskonzert am Freitag im Hattinger Schloss. Und sie schwärmt: „Die Musik ging unter die Haut!“

Duduk und Zurna sorgen für Gänsehaut

Wer dieses Konzert verpasst hat, konnte sich am Sonntag im Kunstmuseum Bochum vom Zauber traditioneller armenischer Instrumente wie Dhol, Duduk, dem Oboenvorläufer Zurna oder dem Qanon überzeugen. Dort waren diese Klänge Untermalung für eine Vorstellung von kaukasischen Volkstänzen, die im Gedächtnis bleibt. Die Choreographien waren mal komplex, mal zugegebenermaßen simpel, verfehlten aber ihre Wirkung nicht.

Die insgesamt 30 Tänzerinnen und Tänzer, Musikerinnen und Musiker der Gruppe Geghard erzählten ohne Worte, nur durch Bewegung, Klänge und nicht zuletzt ihre prächtigen Trachten Geschichten aus ihrer gebirgigen Heimat: Das Buhlen um eine Frau, das Versöhnen beim gemeinsamen Schnaps aus dem Trinkhorn. Der Kniefall vor der weiblichen Anmut. Der Männlichkeitsbeweis durch Kampfeswillen.

Wenn man so gut wie nichts über Armenien weiß – und das ist wohl bei den meisten von uns so (so mancheR hat vielleicht schon gehört, dass System of a Down armenische Wurzeln haben) –, versucht man etwas Russisches herauszuhören oder etwas Türkisches. Und muss sich dann doch eingestehen, dass die armenische Folklore etwas ganz Eigenes ist. Natürlich nicht ganz ohne fremde Einflüsse, aber das ist auch gut so.

Eine ganz besondere Eigenheit stellt übrigens die armenische Schrift dar, von der sich die BesucherInnen im Foyer des Museums am Büchertisch ein Bild machen konnten: Seit dem fünften Jahrhundert verwendet dieses Volk ein eigenes Alphabet. „Republik Armenien“ etwa schreibt sich auf armenisch so: Հայաստանի Հանրապետություն.

Kein Mahnmal, sondern Blick aufs Jetzt und aufs Morgen

Die ArmenierInnen sind stolz auf ihre Nation, obwohl oder gerade weil die meisten von Ihnen in der Diaspora leben; von mehr als zehn Millionen ArmenierInnen sind nur drei Millionen in der ehemaligen Sowjetrepublik zuhause. Und doch fühlen sie sich auch mit ihrer neuen Heimat verbunden. Daher sind alle Veranstaltungen des Kulturherbstes Kooperationsveranstaltungen mit den jeweiligen Spielorten; demnächst etwa dem Stadtarchiv (siehe Termine), der evangelischen Stadtakademie und der Stadtbücherei.

Immer wieder Thema ist der Völkermord an den ArmenierInnen 1915 im Osmanischen Reich, der bis heute von der türkischen Regierung geleugnet wird. 2015 ist deshalb ein besonderes Jahr für dieses Volk. Der Armenisch-akademische Verein mit Sitz in Bochum (der nächstes Jahr 155 Jahre alt wird) plant daher noch viele Veranstaltungen. Um zu gedenken – aber auch, wie Azat Ordukhanyan sagt – zu zeigen, „dass wir immer noch leben, dass wir schöpfen und erschaffen, musizieren, singen, tanzen und lachen.“
 

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