Jede Stunde zählt: Interview mit Aktivisten vom Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK)
„Wer schweigt, ist mitverantwortlich, wenn Kobane fällt“
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KurdInnen forderten in Düsseldorf mehr Unterstützung für Kobane, auch militärisch. Foto: bent
KurdInnen forderten in Düsseldorf mehr Unterstützung für Kobane, auch militärisch.

Mehr als 25.000 Menschen protestierten in Düsseldorf gegen die IS-Banden im Nord-irak. Nach der Demo sprach die :bsz mit dem RUB-Studenten Sabri vom Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) über die Lage in Kobane, die Protestaktionen in den letzten Tagen und die drohende Katastrophe.

 

:bsz: Du bist gemeinsam mit anderen AktivistInnen von YXK, dem Verband der Studierenden aus Kurdistan, bei den Protestaktionen gegen den IS dabei. Aber viele Studierende der RUB wie anderswo kennen YXK gar nicht. Was genau macht Ihr?

Sabri: Der Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) , wurde 1991 an der Uni Bochum gegründet. Seitdem sind wir an der Uni und deutschlandweit aktiv gewesen und seit einem Jahr sind wir nun auch europaweit organisiert. Unsere Politik wird natürlich zu einem großen Teil von unserer Herkunft aus Kurdistan beeinflusst, wir sind also ein politischer Verband. Natürlich machen wir auch kulturelle Veranstaltungen, unter anderem auch jedes Jahr an der Ruhr-Uni. Zurzeit haben wir an 20 verschiedenen Unis Hochschulgruppen und wir arbeiten mit vielen verschiedenen anderen Gruppen zusammen, um auch gewissen Einfluss auf die Politik hier zu nehmen - auch auf universitärer Ebene, etwa bei Studiengebühren, antifaschistische Demos etc. Natürlich versucht man sich soweit es geht, einzubringen.

:bsz In den letzten Tagen gab es bundesweit Protestaktionen, etwa Gleisbesetzungen in Hamburg oder Dortmund. Am Samstag nun auch eine Demo mit über 25.000 TeilnehmerInnen. Mit welchen konkreten Anliegen und Forderungen beteiligt Ihr euch bei den Protesten und Aktionen?

Sabri: Senegal (Region in Kurdistan, Anm. d. Red.) ist gerade mal einige Wochen her und was dort passiert ist, ist bisher immer noch nicht klar. Manche reden von 10.000 enthaupteten Menschen. Das ist in Senegal passiert und jetzt droht Kobane ein ähnliches Schicksal, und was dann die kurdische Bevölkerung noch wütender macht, ist, dass Kobane von drei Seiten durch den IS eingekesselt ist und angegriffen wird und nur eine Seite zur Türkei frei ist, die sie dann sperrt. Aber auf der anderen Seite berichten verschiedene Medien, dass IS-Anhänger jederzeit frei rüber können, dass die  unterstützt werden und auch Waffen haben; es wurde sogar berichtet, dass IS Waffenlager an der türkischen Grenze hat.

Aber da sind doch auch die anderen westlichen Länder gefordert...

Obwohl man sieht, dass sich Tag für Tag, Stunde für Stunde ein Massaker nähert, schweigen die Länder, die Verantwortlichen, die Druck auf die Türkei ausüben können, einfach dazu. Man kann auch offen sagen: Unsere Bundeskanzlerin hat dazu bisher kein Wort verloren. Wer würde jetzt, wenn in Kobane ein Massaker geschieht, wo quasi tausende Menschen ermordet, enthauptet, vergewaltigt und verkauft werden, mit denen alles Mögliche gemacht wird, wer würde wirklich die Verantwortung auf sich nehmen? Ich glaube nicht, dass es irgendeine Regierung gibt, die sagt: Wir schweigen, aber können auch die Verantwortung danach übernehmen. Mit diesen Aktionen wollen wir, dass die ihr Schweigen brechen und die türkische Regierung dazu auffordern, die Unterstützung von IS zu stoppen; andererseits auch, dass die Grenze für jeden offen gelassen wird, damit, wenn Kobane fallen würde, die Menschen, die da noch leben, die Möglichkeit haben, hinauszukommen.

Das heißt vor allem auch, dass die Türkei Mitschuld an der derzeitigen Situation trägt oder wie seht Ihr es?

Das Problem ist zunächst, dass jeder Staat im mittleren Osten eigene Interessen hat, unter anderem vor allem Saudi Arabien und die Türkei, die haben beim Krieg die Hauptrolle gespielt. Die Türkei war bis zu den Aufständen sehr eng mit Assad verbündet. Nach den Aufständen wollte die Türkei aber Assad weghaben und das sollte auch sehr schnell gehen, weswegen sie auch von Anfang an jede Gruppe unterstützten, die gegen Assad war. Dabei war es denen überhaupt nicht so wichtig, in welche Richtungen diese Gruppen gehen. Unter anderem wurde auch, bevor der IS  zustande kam, Al-Nusra mit Geld, Waffen usw.  unterstützt. Als man sehen konnte, das Al-Nusra nicht in der Lage war, diese Rolle zu übernehmen, hat man eben den IS durch Geld und Waffenlieferungen so stark gemacht. Auch Staaten wie die USA haben zum Ausdruck gemacht, dass die Türkei wie auch Saudi-Arabien den IS mit Geld, Waffen und allem Möglichen unterstützt haben. Genauso gab es einen Korridor für die ganzen Dschihadisten, die aus Osteuropa, Russland und überall über die Türkei nach Syrien gelangten und sich dann ohne Probleme und Schwierigkeiten dem IS angeschlossen haben. Es gab auch Berichte, dass hin und wieder extra Flugzeuge geflogen sind, die komplett mit Dschihadisten geladen waren. In anderen Berichten wurde auch gezeigt, wie Dschihadisten einfach in die Türkei kommen und dann ohne Schwierigkeiten rübergehen. Wenn der IS  heute so stark ist, dann ist das nicht ohne die Türkei und Saudi-Arabien zustande gekommen.

Aber die Aktionen und Veranstaltungen dafür , die Ihr mitorganisiert, werden trotzdem eingeschränkt oder unterbunden. Sogar an der Uni...

Von den meisten Unis wird uns dann halt gesagt: Wir wollen keine Politik an den Unis. Aber das ist auch eine Aussage, die wir so nicht einfach hinnehmen wollen und auch nicht akzeptieren können, weil wir Studierende sind; wir studieren, um nicht das Vorgekaute zu sich zu nehmen, sondern Dinge auch selbst zu hinterfragen und aus eigenem Blickwinkel zu bewerten. Und dafür ist es sehr wichtig, dass wir Studierende an der Uni auch die Möglichkeit haben, kritische Wege gehen zu können, statt sich nur an dem von der Uni vorgeschlagenen Rahmen festzuhalten, die größtenteils wiederum so eng sind, das man zum Teil gar nicht mehr von Freiheit reden kann, vor allem, wenn es dann von Unis kommt, die selbst Politik-, Sozialwissenschaften, Geschichte etc. anbieten und uns dann sagen: Wir wollen keine politischen Hochschulgruppen. Da widerspricht sich die Uni ja selbst und es ist schwer nachzuvollziehen, wie die auf solche Argumente kommen.

Welche Kraft gibt es aber in der Region, die man unterstützen kann?

Es gibt jetzt  nur eine wirkliche oppositionelle Gruppe, die Widerstand gegen diese Terrorgruppe leistet und hunderttausenden Menschen das Leben gerettet hat, denen auch die Überlebenden aus Senegal ihr Leben zu verdanken haben: Das sind die  Volksverteidigungskräfte YPG und die HPG. Und eben diese YPG kämpft gerade in Kobane darum, ein zweites Senegal zu verhindern. Als KurdInnen können wir daher nicht nachvollziehen, warum man diese nicht unterstützt. Das sind Menschen, die in der Region als einzige oppositionelle Kraft noch eine Chance gegen den IS hat und wirklich auch mit allen Mitteln Widerstand gegen diese leistet, deswegen sollte man eben auf sie setzen.

Dann müsste man aber doch auch endlich das PKK-Verbot aufheben oder wie bewertet ihr es, dass diese immer noch als Terrororganisation eingestuft wird?

Das PKK-Verbot hat sich schon seit langer Zeit erübrigt. Auch viele verschiedene PolitikerInnen haben immer wieder betont, dass dieses PKK-Verbot eine rein politische Entscheidung war, um dem Politik- und Natopartner Türkei was Gutes zu tun. Es hat sich auch oft gezeigt, dass, sobald einE türkischeR PolitikerInnen in Deutschland war, plötzlich kurdische Vereine durchsucht und Menschen ein paar Tage vor oder nach dem Besuch festgenommen wurden. Ohne YPG und HPG wäre der IS  aber schon viel weiter vorgerückt d.h. gleichzeitig kann man jeden Flüchtling aus Südkurdistan, die jetzt auch in der Türkei sind, fragen und sie würden einstimmig sagen: Wenn der IS  bisher noch nicht in Kobane ist, dann ist das der PKK zu verdanken. Und auch bei der Demo in Düsseldort hätte man alle TeilnehmerInnen fragen können und sie wären sich wohl alle einig gewesen, dass dieses PKK-Verbot das Verfallsdatum überschritten hat und das die Bundesregierung wie die Verantwortlichen noch mal überlegen sollten, eine Bewegung, die mehreren tausend Leuten das Leben gerettet hat und gegen eine Terrorgruppe wie den IS quasi alleine kämpft, als terroristische Organisation zu sehen. Vor allem ist selbst die Türkei seit über einem Jahr mit dieser Bewegung in Kontakt, Gespräche werden geführt und wenn selbst die Türkei Gespräche führt, dann frage ich mich wirklich, inwiefern es im Interesse Europas ist, die PKK weiterhin als terroristische Gruppe einzustufen. Eben das verhindert auch weiterhin, dass diese Gespräche sich in der Türkei etablieren können und auch Ergebnisse kommen, weil das PKK-Verbot eines der größten Hindernisse für einen Friedensprozess ist. Denn eine Auflösung des Verbots könnte auch hilfreich sein, dass dieses Problem in der Türkei gelöst wird.

Aber IS-Truppen sind bereits in Kobane. Was ist zu befürchten?

Eines ist sicher: Wenn der IS Kobane einnehmen würde, dann werden sie wirklich ein Massaker begehen. Eben in so einer Lage ist jede Aktion, die man tut, besser als nichts zu tun, auch wenn es sich später als falsch zeigen würde, ist es trotzdem besser, als nichts zu tun und zu schweigen und einfach zuzusehen, wo gerade zehntausende Menschenleben auf dem Spiel stehen. In so einer Phase sollte man auch mutiger sein. Vor allem würde in dieser Situation auch keine Regierung in Schwierigkeiten geraten, wenn sie die YPG auch mit Waffen unterstützen würde, weil die Weltöffentlichkeit hat im Falle von Senegal und Mossul gesehen, wozu der IS  fähig ist und deswegen ist jede Regierung, die schweigt, mitverantwortlich, wenn Kobane fällt. Wenn da auch nur fünf Menschen sterben, dann ist jede einzelne Regierung mitverantwortlich für diese fünf Menschen; es sind nun aber tausende Menschen, die ums Leben kommen würden. Jede Hilfe zählt. Es ist jetzt aber nur noch eine Frage von Stunden, bis es zu einem Massaker kommt, das heißt, egal wer was machen möchte, sollte nicht mehr darüber reden, sondern es auch gleich tun, denn es zählt jede Stunde.

 

Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent
Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent
Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent
Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent
Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent
Impressionen von der Demonstration für Kobane. Foto: bent