Liebesbriefe aus dem Feuilleton
„Sehr geehrter Herr Bundeskanzler …”
Bild: becc
Symbolbild

Am 29. April 2022 veröffentlichte das politische Magazin EMMA einen eine DINA4-Seite umfassenden Brief an den Bundeskanzler, der ihn zur Besonnenheit aufrief und sich gegen schwere Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht. Auf der Website change.org haben inzwischen über 258.000 Menschen diesem Brief ihre Stimme verliehen und ihn unterzeichnet. Unter den ersten 28 befinden sich Intellektuelle — eine sehr generische Bezeichnung — und Kunstschaffende, wie beispielsweise der Filmemacher Andreas Dresen, die Philosophin Dr. Svenja Flaßpöhler, der Bildhauer Heinz Mack, die Kabarettisten Dieter Nuhr und Gerhard Polt sowie die EMMA-Herausgeberin und Journalistin Alice Schwarzer und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und die Schriftstellerin Juli Zeh.  

Dieser ‘Brief der 28’ hinterlässt zwiegespalten. Die Argumente für ein defensives Verhalten Scholz’, ein defensives und vorsichtiges Verhalten der deutschen Politik und gegen eine deutsche Waffenlieferung sind verständlich: Einen Dritten Weltkrieg, den wünschen wir uns alle nicht. Diese dystopische Vision sollte in jedem Fall vermieden werden. So weit, so nachvollziehbar. Doch was ist die Message der Erstunterzeichner:innen, abgesehen von der Forderung, keine schweren Waffen zu liefern, um mögliche Risiken für eine Konflikteskalation zu minimieren? Es ist Angst.  

Angst, mit der Waffenlieferung einen Schritt zu weit zu gehen; Angst davor, in den Russland-Ukraine-Konflikt hineingesogen und selbst Ziel zu werden, Angst vor Atomwaffen, Angst davor, in die gleiche Lage zu geraten, wie die Ukrainer:innen. 

Die deutschen Intellektuellen (immer noch ein sehr generischer und abstrakt-hochtrabender Begriff, für den es seit seiner Entstehung bis heute keine eindeutige Definition gibt. Überhaupt: Ab wann gilt eine Person als intellektuell und wer entscheidet darüber?) und Künstler:innen wollen daher vor den politischen Aktionen warnen, das heißt, vor Waffenlieferungen, die eines der Schreckensszenarien herbeiführen könnten. Die eigene Gefährdung soll vermieden werden, und sie lässt sich nach den deutschen Personen der Öffentlichkeit unterbinden, indem Deutschland in Angst vor einem Krieg, in Angst vor Selbstschädigung und Schädigung der Welt verharrt, während in der Ukraine Zivilist:innen sterben, gefühlte Europäer:innen, und wenn nicht das, dann zumindest unsere nicht weit entfernten Nachbar:innen. Für mich persönlich ist dies ein Ansatz, der nicht egoistischer und dekadenter sein könnte. Wo ist da die Weltgemeinschaft? Ich verstehe die Angst. Ich verstehe die Sorge. Wir wollen keinen Weltkrieg und wir wollen ihn nicht befördern und wir wollen Putin keinen Grund geben, seinen Wahnsinn auszubreiten und wir wollen schon gar keinen Rüstungswettkampf. Aber wo stehen die immer noch kämpfenden Ukrainer:innen in dieser Rechnung, die sich ohne Hilfe wahrscheinlich nur schwerlich gegen Russland behaupten könnten? Wo steht die Union, und wo steht Deutschland, wenn es sich der Ukraine gegenüber angsterfüllt zeigt? Was hätte Putin dann erreicht? Und: Wo steht das eigene Gewissen, wenn wir uns gegen Waffenlieferungen stark machen, die das Leben unschuldiger Menschen hätte retten können? Nun ist beschlossen worden, dass Deutschland schwere Waffen liefern wird, genauso wie die Niederlande, Frankreich und die USA und natürlich haben wir Angst. Das ist menschlich. Aber sie sollte nicht in Egoismus aus uns herauswachsen, der die eigene Sicherheit vor die der konkret
gefährdeten Menschen stellt.             

          :Rebecca Voeste