Eva Gerharz sprach im Blue Square über die Hintergründe der Flüchtlingskrise
„Schlimmer als in den 90ern“
Foto: bent
Keine Krise, sondern ein Bedrohungsszenario: Die RUB-Soziologin Eva Gerharz referierte über die Flüchtlingssituation in Deutschland.           Foto: bent
Keine Krise, sondern ein Bedrohungsszenario: Die RUB-Soziologin Eva Gerharz referierte über die Flüchtlingssituation in Deutschland.

Ist das Boot wieder voll? Die RUB-Soziologin Eva Gerharz ging in ihrem Vortrag „Bedrohungsszenario Flüchtlingskrise“ vor allem auf die ihrer Meinung nach aktuelle rechte Stimmung in der Gesellschaft ein.

„Es bleibt einem die Luft weg“, kommentiert die Vortragende über den Mediendiskurs: Die „Flüchtlingskrise“ ist in Medien und Politik das derzeit tonangebende Thema.

Zu dem Vortrag hatten die Fakultäten Jura, Sozialwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft eingeladen. Knapp und bündig umriss Eva Gerharz, die an der RUB zum Thema Soziologie der Entwicklung und Internationalisierung lehrt und forscht, die „Flüchtlingskrise“ vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt: So sei es aufgrund der Zahlen berechtigt, von einer „Flüchtlingskrise“ zu sprechen. Gleichwohl treffe dies nicht auf Deutschland zu, wo es angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs und des nach wie vor starken Sozialstaates um politische Unfähigkeit, Verwaltungsprobleme und nicht zuletzt ein Bedrohungsszenario gehe.

Köln kippte die Stimmung

Vor allem über Letzteres sprach Gerharz an diesem Abend. Obwohl sie nicht nur für einen Paradigmenwechsel in den Sozialwissenschaften, sondern auch im Gesellschaftsbegriff plädierte, sieht sie die Migration als einen Prozess zu „transnationalen sozialen Räumen“. Jedoch sei eine zunehmende Angst und rassistische Stimmung nicht zu übersehen.

Einen Grund dafür sieht Gerharz in den Ereignissen der  Silvesternacht: „Köln hat uns gezeigt, dass deutsche Männer sich verpflichtet fühlen, ,ihr Eigentum‘, die Frauen, gegen junge arabische Männer zu verteidigen.“ Eine Folge wären unter anderem die  Bürgerwehren, die in etlichen Städten entstanden. Dabei sei eine Identifikation mit der Nation vor dem Hintergrund der Globalisierung zunehmend inadäquat geworden. Umso widersprüchlicher erscheine das derzeitige rassistische Klima, das an die frühen 90er erinnere: „Die Situation ist noch schlimmer als damals“, so Gerharz: „Der Rechtspopulismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

:Benjamin Trilling