GELD SCHIESST TORE, TRADITION WIRFT BENGALOS? – Teil 8 der :bsz-Reihe zur Lage des Fußballs – Tradition und Misserfolg: Porträt des Kult-Clubs Rot-Weiß Essen
„Ohne Rot-Weiß Essen wäre Deutschland nie Weltmeister geworden“
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Wer Oldschool-Fußball sehen will, ist hier richtig: Vereinschef Michael Welling im Stadion des RWE. Foto: jawattdenn.de
Wer Oldschool-Fußball sehen will, ist hier richtig: Vereinschef Michael Welling im Stadion des RWE.

Wo man seine Töchter auf den Namen Helmut Rahn tauft und blaue Trikots meiden sollte – die :bsz war im Stadion Essen, um den Mythos Hafenstraße zu erkunden. Vierte Liga, Spiele gegen Wiedenbrück oder Hennef, gleichzeitig tausende leidenschaftliche Fans im Rücken, die wissen, wo es für den Traditionsverein wieder hin soll: nach oben. Vielleicht schon im nächsten Jahr?

Niederprasselnder Dauerregen und klirrende Kälte: Für RWE-Clubchef Michael Welling müsste das Wetter zum Verein von der Hafenstraße passen. In der Halbzeit des Heimspiels gegen den SC Wiedenbrück schlendert er nach der Abschiedsrede für einen langjährigen Mitarbeiter über den schlammigen Platz und kann sich trotz des Regens und der Liga-Zugehörigkeit über erstklassige Stimmung im Stadion freuen: „Wir sind halt Viertligist, interessiert aber keinen. Gerade weil wir nicht so erfolgreich sind, haben wir  das bewahrt, was den Fußball ausmacht: eine unglaubliche Nähe zu den Fans, eine unglaublich gute, vielschichtige Fankultur und ein stimmungsvolles Stadion.“ Währenddessen wird der Regen wieder stärker. Der Vereinsvorsitzende kann aber nur augenzwinkernd bestätigen: „Bei uns geht es um Fußball, wir spielen immer noch in Freiluft – nicht wie bei den nördlichen Nachbarn in Gelsenkirchen, wo es eben eine Halle gibt. Ich sage da nur: Ausprobieren, hinkommen. Bei uns ist das noch Old-School-Fußball ohne Schischi. Wer tatsächlich auf Lachsschnittchen und Animationsstofftiere auf dem Spielfeld steht, der ist sicherlich in Gelsenkirchen besser aufgehoben als bei uns. Manche sagen, wer in Hamburg zu St. Pauli und in Berlin zu Union geht, geht im Ruhrgebiet zu Rot-Weiss Essen.“

Große Tradition und große Erwartungen

Im Block der Ultras startet eine Choreo, ein großes Transparent bedeckt die Kurve. Darauf steht: „Danke für alles, Chef.“ Gemeint ist August Gottschalk, Kapitän der Meistermannschaft von 1955 – einer  der Helden in der ruhmreichen Vereinsgeschichte: „Rot-Weiss Essen ist einer der traditionsreichsten Vereine Deutschlands“, so Welling, der nicht nur stolz die Titel und Meilensteine aufzählt, sondern ungeahnte Verbindungen der DFB-Weltmeistertitel zum Fußball in der Ruhrmetropole zieht. „Ohne Rot-Weiss-Essen wäre Deutschland übrigens nie Weltmeister geworden. 54 – Helmut Rahn!  Dann „Ente“ Lippens, der ja 74 bei Holland nicht gespielt hat – sonst hätte Berti Vogts sich nicht um Cruyff kümmern können, sondern hätte gegen Lippens spielen müssen und wäre schwindlig gespielt worden und Holland hätte das Finale gewonnen. Dann 1990 eben mit „Franky“ Mill, der auch als Essener Jung im Kader war und jetzt Mesut Özil, der bei uns in der Jugend fünf Jahre ausgebildet wurde und 2014 Weltmeister geworden ist“, schwärmt der Club-Chef.

Aber die großen Zeiten sind längst vorbei: 2010 beantragte der Verein Insolvenz, es folgte der Zwangsabstieg in die fünfte Liga:  „Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass wir komplett am Arsch waren. Wir sind dem Tod mit der Insolvenz von der Schüppe gesprungen, deswegen sind wir jetzt erst mal froh, dass es uns gibt. Wir gehen da mit kleinen Schritten voran und da wird’s auch immer Rückschläge geben – aber wir gucken mal, in welche Richtung das geht. Wir sind allerdings auf dem Weg zum Weltpokalsieger 3026 – das ist erklärtes Ziel.“ Denn die aktuelle Entwicklung gibt zu hoffen. Nach 90 Minuten steht es 3:2, „Spitzenreiter“ schallt es von den Tribünen. Denn Essen überwintert damit auf dem ersten Tabellenplatz. Doch auch der Meister würde am Ende der Saison nicht direkt aufsteigen, sondern müsste nach gegenwärtigen DFB-Regeln erst in die Relegation, worüber sich auch Welling aufregt: „Als Sportfan ist es für mich und andere nicht nachvollziehbar, warum der Meister sich nicht für die höhere Liga qualifiziert. Das ist totaler Schwachsinn.“ Welling gibt jedoch schon mal Interna preis: „Wir haben den Antrag auf Zwangsaufstieg gestellt. Der ist nicht durchgekommen.“ Aber selbst, wenn es auch im nächsten Jahr nichts mit dem Aufstieg wird, die Fans in der „alten Westkurve“ singen nach Abpfiff schon mal: „Deutscher Meister wird nur der RWE!“

:Benjamin Trilling

:bsz-Reihe: Geld schießt Tore, Tradition wirft Bengalos?

„Die machen den Fußball kaputt!“

...das warf man sich jüngst vor, als das DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ Ende letzten Jahres verabschiedet wurde und zahlreiche Proteste in den Stadien nachsichzog. Fans warfen den Liga-Verantwortlichen, Sponsoren und Polizei vor, mit übertriebenen Kontrollvorlagen die Fankultur zu ersticken. Im Gegenzug werden die Leute auf der Tribüne dafür kritisiert, für Krawalle zu sorgen: Platzstürme, Hasstiraden und fackelnde Bengalos im Block und auf dem Rasen – König Fußball erscheint als Symptom für gesellschaftliche Widersprüche. Deutschland ist Weltmeister, aber von Burgfrieden ist weit und breit nichts zu sehen; stattdessen wird die Fangemeinde hierzulande polarisiert: Mäzenate, Retortenvereine und die allgemeine Kommerzialisierung des Profifußßballs sorgen dafür. Auf der anderen Seite sehen wir einen alltäglichen Existenzklampf der Traditionsvereine: Legendäre Clubs wie Rot-Weiss Essen, MSV Duisburg oder Rot-Weiß Oberhausen (,um nur wenige zu nennen) stehen oder standen am Rande des Abgrunds. Aber was, wenn alles durchkommerzialisiert ist? Wenn ein Stadion dem anderen ähnelt? Fangesänge der eigenen Mannschaft nicht mehr von den gegnerischen Chören zu unterscheiden sind? Wir wollen fragen: was kommt? Was bleibt? Wie wird er aussehen, unser Fußball: Eine Eskatase nach Feierabend oder routinierter Arbeitssieg? Das Beben der Kurve oder die Dekadenz der VIP-Tribüne? Das Singen der eigenen Chöre oder stumpfinniger Werbeterror? Nostalgie oder Erneuerung? Wahrheit oder Kommerz?

Bisher in dieser Reihe

:bsz 1011 — „Fußball in Zeiten der Krim-Krise“ über den Fußball in der Ukraine und Russland

:bsz  1013 — „Geld verleiht Flügel“ über Red Bull Leipzig

:bsz 1015 — „Echte Liebe zum Geld“ über die Kommerzialisierung der großen Ruhrpottvereine

:bsz 1017 — „Bochum, ich komm aus DIr!" über das Buch „111 Gründe, den VfL Bochum zu lieben“

:bsz 1019  — „Frauenfrei in die Bundesliga“ über das Aus der Frauenabteilung des VfL Bochum

:bsz 1021 — "We can be heroes, just for one day!" über die Bochumer Kreisliga

:bsz 1024 — "Vom Bayernjäger zum Schlusslicht" über die Krise beim BVB

Es folgen

:bsz 1026 — Migrantenvereine im Revier

:bst 1028 — Kommerz und Gewalt